210
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Aber doch wieder nur dem Anschein nach. Genau besehen, ist es ganz die
gleiche Sache. Waren es vorher die Verwaltungskörper der bürgerlichen Ge
meinden, welche eine unzulässige Bedrückung und Vergewaltigung ausübten, so
ist es hier die Majorität der Familienväter, welche ganz dieselbe Bedrückung
gegen die Minorität ausübt. Es ändert sich mithin nur das Subjekt, von
dem Gewalt und Unrecht ausgeht. An Stelle des Staates setzte man erst die
bürgerlichen Gemeinden, und an Stelle der bürgerlichen Gemeinden setzt man
jetzt die Majorität der Familienväter in der Schulgemeinde. Unrecht aber
bleibt Unrecht, von wem es auch ausgeübt werden mag. Und das
Wort Dörpfelds: „Dazu (die Eltern zu zwingen, ihre Kinder in eine ihrer
Gewissensüberzeugung widersprechende Schule zu schicken) hat auf Erden kein
König und kein Parlament, keine Autorität und keine Majorität das Recht"
bezieht sich ebensosehr auf die Majorität der Familienväter in der Schulgemeinde
wie auf die des Parlaments oder der bürgerlichen Gemeindekollegien. Vermeiden
läßt sich das in Rede stehende Unrecht nur dadurch, daß man denjenigen Eltern,
die durchaus eine Simultanschule für ihre Kinder haben wollen, gestattet, sich
zwecks Errichtung einer solchen zu einer besonderen interkonfessionellen Schul
gemeinde zusammenzuschließen. Allein darum ist es den Freunden der Simultan
schule nicht zu tun. . . . Würde die Gleichberechtigung in diesem Sinne ver
langt, so ließe sich nichts dagegen sagen. Denn eine solche Schule hat natürlich
auch das Recht des Bestehens, aber doch nur auf ihrem eigensten Gebiete, nur
für diejenigen, die sich zu der bezeichneten Richtung oder Weltanschauung be
kennen?) Allein man will die „Gleichberechtigung so, daß die Simultanschule
auch für die treuen evangelischen und katholischen Christen, für die, die ihre
Kirche wertschätzen, und denen es Gewiffenssache ist, ihre Kinder im Sinne und
Geiste ihrer Kirche erziehen zu lasten, ebenso berechtigt d. h. zulässig sein soll
wie die Konfessionsschule. Und das ist ein unberechtigter, um nicht zu sagen
frevelhafter Eingriff in ein fremdes Rechtsgebiet, in das Recht aller
Religionsgemeinschaften^) und in das Gewistensrecht aller ihrer Kirche
treuen Glieder. Man will die völlige Vernichtung der Konfessionsschule und
die Alleinberechtigung der Simultanschule, d. h. die Simultanisierung des ge
samten öffentlichen Volksschulwesens. Das ist die wahre Bedeutng der an
scheinend so bescheidenen, so toleranten und liberalen Forderung: „Gleichberechti
gung der Simultanschule mit der Konfessionsschule."
Zweifellos hat Zillesten darin völlig recht: Wenn derartige Anliegen, die
den innersten Kern der Persönlichkeit, ihr wichtigstes Wertmoment betreffen, durch
Mehrheitsbeschlüste erledigt werden, dann geht es bei der jetzigen Zerfahrenheit
in sittlichen und religiösen Fragen fast nie ohne Gewistensbedrückung und -Ver
gewaltigung ab; der Minderheit wird in allen Fällen keine Gewistensfreiheit
zuteil, gleichviel, ob der Majoritätsbeschluß in dem Schulverbande, in der bürger
lichen Gemeinde, im Staate oder in der Kirche gefaßt wird, und in allen Fällen
ist daher eine solche Erledigung mit dem gleichen Unrecht behaftet. Auch wir
0 Das bedeutet im Sinne Zillessens: nur für diejenigen, die außerhalb der
staatlich anerkannten Landeskirchen stehen und die die Kosten für die Schule entweder
lediglich selbst aufbringen, oder zu deren Kosten Staat und Gemeinde nur dann bei
steuern dürfen, wenn die Konfessionellen hinreichend versorgt sind nach dem Urteil
der Kirche.
*) Von mir gesperrt. D. R.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.