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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
und Gewissensfreiheit, das sind die Grundbedingungen zu einer gerechten,
gesunden, freien und friedlichen Schulverwaltung." (Dörpfeld, Fundamentstück
92 u. f.n
la. Die wahre und die falsche Schulgemeinde.
Stellen wir nun mit dieser echten Dörpfeldschen Schulgemeinde jenen
Schemen einer Schulgemeinde, den uns Zillessen vorführt, Punkt für Punkt in
Parallele, so muß auch ein ziemlich blödes Auge schon auf den ersten Blick er
kennen. daß beide in einem grundlegenden Gegensatze zueinander stehen.
1. Für die von Zillessen angeführte Schulgemeinde bildet das Cha
rakteristikum die räumliche Begrenzung; sie ist also kein Eigenwesen, sondern
nur ein Raumbegriff, ein geographischer Distrikt. Über eine solche Sorte von
Schulgemeinden urteilt aber Dörpfeld in seiner „freien Schulgemeinde" auf
S. 83: „Allerdings besteht in den meisten deutschen Landen ein Schatten
solcher Lokalschulgenossenschaft unter dem Namen „Schulbezirk" oder „Schul-
sozietät"; allein es ist eben meistens mehr ein Schatten als ein wirkliches Wesen,
oder es ist keine Seele in diesem Wesen, oder der Leib hat keine oder nicht die
rechten Organe." — Die Dörpfeldsche Schulgemeinde dagegen stellt ein voll
wertiges Eigenwesen dar, dessen Funktionen von innen heraus angeregt werden
und sich normal vollziehen, denn sie wird von vollmündigen und zur
Selbstverwaltung reifen Familien aus eigener Kraft erbaut.
2. Die Schein-Schulgemeinde erhält zuerst durch irgend eine vorgesetzte
Behörde ganz nach deren Belieben ihre Grenzen abgesteckt oder wird konstituiert,
und erst dann gewahrt ihr die Behörde das Recht, nun durch einen ge
meinsamen Beschluß der zusammengebrachten Familienväter die Festsetzung des
religiösen Charakters vorzunehmen.
Die Dörpfeldsche Schulgemeinde hingegen ist erst dann wirklich vorhanden
oder konstituiert, nachdem zuvor die einzelne Familie, kraft ihres eigenen
oder autonomen Rechts, das die Behörde nicht zu gewähren, sondern nur
anzuerkennen hat, jede für sich, die Entscheidung getroffen hat, welche Erziehung
und welchen Schulunterricht, ob konfessionell oder simultan, ihren Kindern zuteil
werden soll, und sich dann mit den gleichgesinnten Familien zu einem Verbände
zusammengeschlossen hat; also erst die völlig freie Wahl und der eigene
Zusammenschluß der Familien bilden die echte Schulgemeinde.
Bei der falschen Schulgemeinde geht Staatsrecht oder Kirchenrecht oder dergl.
vor Familien- oder Elternrecht, bei der Dörpfeldschen Schulgemeinde
aber geht Familienrecht vor Staatsrecht und Kirchenrecht?)
3. Die von Zillessen erwähnte Schulgemeinde birgt daher keine Spur
von irgend einem eigenen Recht der Familie in sich; sie behandelt
die Familie in den wichtigsten Fragen der öffentlichen Erziehung noch als völlig
. Z Dörpfeld will also, im Gegensatze zu Zillessen, für die Konfessionsschulsreunde
und für die Simultanschulfreunde völlige Gleichberechtigung, nämlich unbedingte
Anerkennung des Elternrechts. Doch ist hiervon wohl zu unterscheiden die Wertung
der beiden in Betracht kommenden Schularten; sie sind ihm durchaus nicht gleich
wertig, sondern die Musterschule ist ihm die einheitliche, gewissenseinige oder kon
fessionelle Schule, allerdings die von den hergebrachten Mängeln befreite, pädagogisch
eingerichtete Konfessionsschule.
9 Selbstverständlich wird dadurch die berechtigte Oberaufsicht des Staates über
alles Leben und Geschehen innerhalb seiner Grenzen nicht im mindesten angetastet.

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