Zur Schulverfassung.
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unmündig und will sie darin von den bisherigen Vormündern nach alter Weise
weiter bevormundet wissen.
Die Dörpfeldsche Schulgemeinde aber erkennt der Familie auch in den An
gelegenheiten des öffentlichen Unterrichts die volle Mündigkeit und demzufolge
das Recht zur weitgehendsten Selbstverwaltung und Selbstbestimmung zu. Bei
Dörpfeld stehen „Schulgemeinde" und „erziehliches Familienrecht" in so enger
Beziehung zueinander, daß sie sozusagen gleich zu setzen sind, denn die Schul
gemeinde ist in ihrem Wesen geradezu die Verkörperung des
Familienrechtes in der Erziehung.
4. Die von Zillessen hingestellte Schulgemeinde erkennt demzufolge prin
zipiell auch keine Gewissensfreiheit im öffentlichen Schulwesen an; sie ge
währt zwar tatsächlich der jeweiligen Mehrheitspartei solche, aber auch nur dieser,
garantiert dieselbe indes auch dieser nicht, weil die Behörde jederzeit die Ab
grenzung der Schulgemeinde bezw. des Schulbezirks und damit auch die Zu
sammensetzung und Majorität der Hausväterversammlung nach ihrem Belieben
ändern kann. Gesichert vor aller Gewissensbedrückung ist bei ihr also nie
mand, weder die Majorität noch die Minorität.
Die Dörpfeldsche Schulgemeinde dagegen läßt prinzipiell die erziehliche
Gewissensfreiheit völlig uneingeschränkt zur Geltung kommen und sie
verbürgt und wahrt dieselbe allen Familien, ob konfessionell oder simultan gesinnt,
so weit und so kräftig als nur irgendwie möglich, da jede Familie ja frei von
jeglichem fremden Zwange, also lediglich auf Grund eigener Gewissensentscheidung
den Schulverband wählt, dem sie sich anschließen will, und also nicht durch die
Behörde irgend einem „Schulbezirk" einfach zugewiesen wird?)
Hiernach wird mir wohl jeder Leser darin beipflichten, daß durch Zillessens
Darstellung der Dörpfeldschen Schulgemeinde-Idee ein bitterböses Unrecht angetan
und ihr eine der schwersten Schädigungen zugefügt wird. — Nun will aber
wohl gemerkt sein, auch diese Scheinrechte der falschen Schulgemeinde sind
Zillessen schon zu weitgehend und werden von ihm bekämpft. Wie kärglich auch
*) Die Leser, die bis hierher meinen Auseinandersetzungen gefolgt sind, werden
sich wahrscheinlich auch schon selbst gesagt haben, daß Dörpfeld den von Zillessen
zitierten Satz unmöglich in dem Sinne gebraucht haben kann, in dem ihn Zillessen
verwendet. Damit aber die Leser selbst genau nachprüfen können, teile ich auch die
Stelle mit, wo der Satz zu finden ist, was Zillessen unterlassen hat. Er steht nämlich
auf S. 32 der „freien Schulgemeinde". Dort heißt es, der Dörpfeldschen Verwendung
entsprechend allerdings etwas anders: „Wie ganz einfach wäre die Streitfrage über den
religiösen Charakter der Schule und wie schnell würde sie sich lösen, wenn die Rieche
auch der Familie gerecht werden und die Wahrheit in das christliche Volksbewußtsein
bringen wollte: Die Familie ist die Normal-Erziehungsanstalt für die Unmündigen;
darum muß der Lehrer die Kinder glauben und beten lehren, wie die Mutter sie
glauben und beten lehrt; — die Schule gehört wie das Kind zunächst den Eltern,
darum folgt sie auch dem Bekenntnisse der Eltern; — Schule und Haus sind verwandt
und verwachsen wie Eltern und Kinder, daher heißt Schule und Familie voneinander
trennen nichts anders, als Eltern und Kinder voneinander scheiden, — und dazu hat
keine Macht der Erde, kein König und kein Parlament, das Recht."
Zillessen, der nur ein kleines Teilchen daraus benutzt und zwar im Interesse der
kirchlichen Vorherrschaft und zur Abwehr der Familienansprüche, läßt dabei unerwähnt,
daß Dörpfeld an jener Stelle gerade der Kirche ein Verschulden vorhält und ihr gegen
über mit allem Nachdruck das Recht der Familie betont. Er verkehrt also den Sinn
dieser Dörpfeldschen Auslassung durch ihre nur teilweise Anführung und falsche An
wendung, wie ihm dies auch bezüglich verschiedener anderer Punkte nachgewiesen werden
kann, in ihr schnurgerades Gegenteil. —

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