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I. Abteilung. Abhandlungen.
n.
Was aber soll denn nun die Kunst, speziell die bildende Kunst, unserm
Volk, unserer Jugend bieten? Was erwarten wir von ihr? Ein Volk, das
nur der Kunst, dem Genusse lebt, oder doch danach als dem höchsten Ideale
strebt, wäre wert zu Grunde zu gehen. Ohne Arbeit, pflegte mein alter Lehrer
in der Ethik zu betonen, gibt es für mich keinen Himmel. So sind denn auch
die meisten der eifrigen Reformfreunde von der Verirrung zurückgekommen, mit
der Losung „Kunsterziehung" ein neues Bildungsideal für die Schule gefunden
zu haben. Durchaus nüchtern sagt Prof. Konrad Lange in seinem Vortrage aus
dem Kunsterziehungstage in Dresden: „Es liegt uns völlig fern, die ethische
oder religiöse Erziehung, deren große Bedeutung für die heranwachsende Jugend
wir vollauf anerkennen, durch ein neues pädagogisches Ideal ersetzen zu wollen . .
Wir wissen wohl, daß das Leben neben der Kunst noch andere Ideale hat, und
wir halten es für eine Utopie, diese durch eine rein oder vorwiegend künstlerische
Kultur zu verdrängen. . . . Wir denken auch nicht sanguinisch genug, um uns
einzubilden, wir hätten mit dem Worte „Kunsterziehung" das Zauberwort zur
Lösung der sozialen Frage gefunden." Es ist doch eine seltener gewordene Über
treibung, wenn der Lehrer Götze aus Hamburg sagt, „daß wir vielleicht unsere
Wissensschule umändern müssen in eine Arbeitsschule, daß der Lehrer nicht ein
Mann ist, der vor die Kinder hintritt und ihnen sagt: haltet die Hände still
und höret die Weisheit, die ich euch lehre, sondern daß der Lehrer ein Mann
sein wird und sich dessen nicht schämt, im Kittel und mit Werkzeugen die Schüler
hineinzuführen in die Arbeitswerkstatt und zu sagen: nicht das Misten hat die
Menschheit auf die Höhe gebracht, sondern die Beschäftigung mit der Hand und
durch die Hand mit dem Geiste." Im allgemeinen ist man mit seinen
Forderungen und Erwartungen weit bescheidener. So schreibt C. Schubert in
der Schrift „Die Werke der bildenden Kunst in der Erziehungsschule": „Die
Armen sollen nicht nur religiöse, intellektuelle und sittliche, sondern auch künst
lerische Höhepunkte in ihrem arbeitsreichen Leben haben. Auch sie sollen beim
Betrachten eines Kunstwerks sich innerlich erhoben fühlen, erhoben über die
Misere des Lebens. Gerade sie haben es so nötig, das, was ihrem Leben fehlt,
wenigstens in der Kunst zu schauen; diese ist ihnen ein Ersatz der Wirklichkeit."
Und noch einmal Konrad Lange: „Es ist der höhere Zweck der Kunst, dem
Menschen Ersatzvorstellungen und Ersatzgefühle an stelle der wirklichen zu bieten
und damit sein Gefühlsleben vor Absterben und Verkümmerung zu bewahren. —
Wir halten die Kunst für eine unentbehrliche Ergänzung des Lebens, d. h. der
ernsten Pflichterfüllung."
Diese Theorie der neueren Ästhetik steht im Gegensatz zu der älteren, die
sich gewöhnlich in mystisch klingenden Aussagen über die Kunst als einer Offen
barung der Harmonie des Weltalls ergeht. Und dieser Gegensatz entspringt

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