Rundschau.
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zu befleißigen; sie haben Maß zu halten in der Bestrafung und Strafandrohung und
sich vor allem über die Verhältnisse zu unterrichten, in welchen das Kind steht.
Die Zunahme der Kinderselbstmorde von 1900 bis 1902 ist geradezu erschreckend.
Der Umstand, daß die Selbstmorde zur Zeit der Schulprüfungen am höchsten sind, läßt
erkennen, daß die Mehrheit dieser Kinderselbstmorde auf gewisse Schulzustände zurück
zuführen sind. In dieser Beziehung täten mancherlei Änderungen dringend not. Die
bedeutende Zunahme der Kinderselbstmorde jedoch in den letzten Jahren deutet darauf
hin, daß diese nicht allein auf Mängel in unserm Schulwesen zurückzuführen sind,
sondern daß dabei auch andre soziale Erscheinungen mitwirken. L. Lz.
Über die Höhe der Pensionen der Volköschullehrer bringt der „Reichsbote"
folgende Angaben: Mit vollem Gehalt treten, nach Ableistung der normalen Dienstzest,
die Lehrer in Hamburg, im Großherzogtum Hessen, in Braunschweig, Sachsen-
Meiningen, Koburg-Gotha, Reuß j. Linie und Anhalt in den Ruhestand. 88°/» des
Gehalts bekommen die pensionierten Lehrer in Sachsen-Altenburg, 90 a /.. in Oldenburg
und Mecklenburg (Stadt Schwerin), 92'/2 u /u in Württemberg, 95% in Bayern. 80%
des Gehalts werden im Königreich Sachsen, in Bremen, Rudolstadt, Reuß ä. Linie,
Lippe-Detmold und Schaumburg-Lippe als Pension gewährt. 83%% erhalten die
emeritierten Lehrer in Mecklenburg-Strelitz und 85'% in Sachsen-Weimar. Preußen
bezahlt 75% als Ruhegehalt, Waldeck sogar nur 66%°». Genau soviel wie Preußen
gewähren Baden, Lübeck, Elsaß-Lothringen.
Das Fürsorgeerziehungsgesetz hat nun endlich das Wachstum der bestraften Ver
gehen in unsrer Jugend zum Stillstand gebracht. Wie vor kurzem in der Justiz
kommission des Abgeordnetenhauses von der Regierung mitgeteilt wurde, zeigt die noch
unveröffentlichte Statistik für 1903 ein kleines Sinken der Ziffer jugendlicher Verurteilter
gegen 1902. — Fürsorgeerziehung war zumeist bei der zuchtlosen Großstadtjugend von
nöten. Die Großstädte haben mehr als doppelt so viel Fürsorgezöglinge als das
platte Land, das also bei der Kostenverteilung schlecht wegkommt. Diesen Umstand
benutzt nun leider die Regierung, um in der Kommission einer Verbesserung des
Gesetzes entgegenzutreten. Bekanntlich hat leider die Entscheidung des Kammergerichts
vom 24. November 1902 es bewirkt, daß vorbeugende Fürsorgeerziehung sehr ein
geschränkt wurde. Das Kind muß erst verdorben sein, ehe der Staat es aus den ver
derbenden Verhältnissen befrest. Uns ist es unbegreiflich, daß die Regierung hier die
Kostenfrage vorschützt. Kosten macht das Kind, wenn es erst auf die schiefe Bahn des
Verbrechens geraten ist, zeitlebens viel mehr, als die paar hundert Mark betragen, die
für seine Erziehung zum ordentlichen Menschen verausgabt werden. Zu einer Zeit,
wo man den Wert vorbeugender Maßnahmen auf allen Gebieten des Lebens immer
mehr erkennt, erscheint das Sträuben der Regierung gegen eine vorbeugende Fürsorge
erziehung überaus kurzsichtig.
Zur Simultanschulfrage. Über die Nürnberger Simultanschulen hat sich kürzlich
die liberale „Fränk. Morgenzeitung" in folgender Weise geäußert: „Durch die Simultan
schule soll (so sagt man) der religiöse Friede gepflegt werden. Hierzu kann aus
eigener Erfahrung nur bemerkt werden, daß dieser schöne Wunsch sich in vielen Fällen
als ganz eitel gezeigt hat. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Der von Fall-
merayer s. Z so trefflich charakterisierte Filucius Tartuphius schaut durch alle Schlüssel
löcher unserer Simultanschulen, er fragt die Kinder aus, er steift sie gegen den liberalen
und protestantischen Lehrer. Jedes Wort des harmlosen Pädagogen wird unter die
Lupe genommen, ob es nicht ein katholisches Herz verletzt, und bie Kinder lernen, die
Lehrer bei den Eltern und Kaplänen verketzern. Damit ist nicht nur eine nie ver
siegende Quelle konfessionellen Haders gegeben, sondern etwas viel Schlimmeres: das
Vertrauen der Kinder zu ihren Lehrern wird untergraben. Unsere Lehrer
klagen darüber im Men, sie sollten doch in der Öffentlichkeit ihren Mund auftun.
Dann würde man bald sehen, wie es in der Gegenwart in den Mauern der Stadt
Nürnberg mst der Friedensflöte aussieht, die in den Simultanschulen geblasen wird.
Solange das Aushorchen und Ausfragen, das Herumschleichen und Denunzieren ehren
werter und tüchtiger Lehrer grassiert, verstehen wir die liberalen Abgeodneten Hackenberg
und Hieber mit ihrem Eintreten für den konservativ-liberalen Schulkompromiß zu
gunsten der Konfessionsschule recht gut, die nichts anderes wollen, als daß die
Lehrer Herren im eigenen Hause seien. Lediglich der heiße Wunsch, Lehrer
und Schüler von dem jesuitischen Geiste der Spionage und Denun
ziation unbehelligt zu sehen, regiert unsere Feder."

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