Die bildende Kunst in der Volksschule.
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offenbar dem Bestreben, die Kunst nicht etwa zur Dienerin der Religion oder
Moral gemacht zu sehen, ihr neben diesen wichtigen Lebensgebieten ein selb
ständiges Geltungsgebiet zu verschaffen. Dieses Gebiet aber der Erholung, des
Genusses, des schönen Scheins, der bewußten Illusion wird für den Mann des
Volkes ein sehr enges und winziges sein. Ich möchte glauben, daß wir auf der
goldenen Mittelstraße zwischen diesen beiden Extremen der Überschwenglichkeit und
praktischen Nüchternheit das Richtige finden. Die Kunst soll nicht eine Dienerin
sein. Wohl! nicht eine Dienerin der Religion oder Moral, wohl gar einer be
stimmten Konfession oder Partei, sicherlich aber doch eine Dienerin des Menschen,
und nicht bloß des Menschen, der genießt, des ganzen Menschen, auch des
schaffenden, sinnenden, ringenden, glaubenden Menschen. Es ist irreführend, ver
engend, in den Begriff der Kunst von vornherein eine bestimmte Tendenz hinein
zubeziehen, sei es die Religion, wie in der Engherzigkeit eines kulturfremden
Pietismus, sei es auch die Abzielung auf das Jllusionsbedürfnis des sozial be
lasteten Menschen. Man fasse den Begriff der Kunst mehr formal als die
Fähigkeit des Künstlers, das Gefühlsleben eines andern Menschen in bewußter
Weise zu erregen, zu leiten, zu beherrschen. So ist die Farbe, die Zeichnung,
der Marmor das Ausdrucksmittel des Künstlers, durch das er redet, gleichwie
er durch die Macht des Wortes ergreift, erschüttert, erhebt, ergötzt, verführt.
Auch die bildende Kunst ist wie jede andere, eben die Sprache des Künstlers,
durch die er uns seine Empfindungen mitteilt, wie er sie durch ein anderes
Mittel nicht mitteilen könnte. Daß es aber eines Künstlers Sprache ist, das
spüren wir lediglich an ihrer Kraft und Wirkung auf unsere Seele. Die ganze
Skala der Empfindungstöne beherrscht auch der bildende Künstler, vom Er
habensten, Gewaltigsten, Erschütterndsten über das Liebliche, Erheiternde hinaus
zum Spöttischen, Frivolen, Lästernden; von symbolischer Phantasterei bis zum
Ausdruck nüchterner Wirklichkeit, von heiligem, gotterfülltem Prophetenernst bis
zu sinnigem Humor und harmloser Naivität: je nach Nationalität, nach Religion,
Moral, Bildung, nach Charakterindividualität grundverschieden! Und wir wollen
uns das Recht nicht nehmen lassen, zu unterscheiden zwischen einer hohen, heiligen,
edlen Kunst und einer niedrigen, gemeinen, schädlichen Kunst, nicht nach dem
Maßstab der Technik allein oder eines meist nur angewöhnten Schönheitsgefühls
für das, was unsern Augen gefällt oder nicht, sondern in erster Linie nach der
Kraft und nach dem Geist, damit die Persönlichkeit des Künstlers zu uns redet.
So verschieden wie die Bildsprache des Künstlers, ist auch das Auge des
Beschauers, denn nicht allein mit dem sinnlichen Auge sieht der Mensch, sondern
durch das Auge mit der Seele. Manche Ästhetiker begründen deshalb auch die
Freude an der Kunst weit mehr in unserer Jdeenafioziation als in der Gestalt
der Dinge. „Jeder Gegenstand", sagt Fechner, „und jedes Bild, das ihn be
zeichnet, enthält für uns die Summe alles dessen, was wir je bezüglich desselben

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