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I. Abteilung. Abhandlungen.
Nation dem Rufe. Es war. als wollte sie alles, was das wirkliche Leben ihr
versagte, Glück und Macht, Freiheit und Größe, wenigstens im Reiche der
Dichtung mit vollen Zügen genießen. Und wenn die deutschen Stämme, bei
aller politischen Zerriffenheit, einig waren in der Huldigung, die dem Helden
des Geistes dargebracht wurde, so mochten ernste Männer die Hoffnung fassen,
daß die Freude des Festes nicht wirkungslos vorüberrauschen, daß auch zu ge
eintem Wollen und Handeln die Kraft erwachen werde.
Glänzend hat sich die Hoffnung erfüllt; glänzender, als wohl irgend einer
unter den Festrednern des Jahres 1859 geglaubt hatte. Neugegründet steht ein
deutsches Reich; in seinen gesicherten Grenzen hat sich ein reges Leben entfaltet,
das mit der Betätigung wirtschaftlicher Kraft wie politischen Könnens erfolgreich
über diese Grenzen hinausstrebt. Reichtum und Pracht finden sich nicht mehr
bloß an Fürstenhöfen, auch in den Städten, in den Häusern der Bürger sind
sie heimisch geworden. Das deutsche Volk will sich nicht, wie einst, mit der
Rolle des Poeten begnügen, der, als Zeus die Erde teilte, zu spät kam und
darauf angewiesen blieb, in dem luftigen Reich der olympischen Götter zu Gaste
zu gehen. Freilich ist nun die Rolle des Poeten überhaupt mehr zurückgetreten;
und es könnte sein, daß damit doch auch wieder etwas verloren wäre. Gerade
der Eifer, mit dem allenthalben in unserm Vaterlande der Gedanke der heutigen
Feier ergriffen worden ist, scheint es zu beweisen. Wenn aufs neue der Ruf
ertönt, Schiller zu würdigen, ihn besonders dem jungen Geschlechte nahe zu
bringen, so liegt darin das Zugeständnis, daß er wieder angefangen hat uns
fremd zu werden, und zugleich das dunkle Gefühl, daß das nicht gut ist, daß
er etwas hat, was uns fehlt und was er uns geben kann. Was ist das?
Schiller besaß das rechte Ideal der Schönheit. Während die heutigen
Dichter das Elend des Lebens unverhüllt darstellen, weiß er es zu verklären; er
schildert die Menschen so, wie sie vielleicht nicht sind, aber doch sein sollten. Da
durch erhebt er uns, die Modernen drücken uns herab. — Diese Antwort liegt
nahe; sie wird vielfach ausgesprochen, auch wohl gern gehört. Aber sie ist falsch;
sie tut ihm und uns unrecht. Der Verfasser der Räuber muß das Lob ab
lehnen — oder ist es im Grunde ein Vorwurf? — daß er das Häßliche der
Natur zu mildern suche. Allerdings zeigen seine späteren Dramen Leidenschaft
Schuld und Laster in minder abschreckender Gestalt: da ist er denn durch eigenes
inneres Erleben zu einer andern Art des Schauens gelangt. Wir wollen jedem
gegenwärtigen oder künftigen Dichter gönnen, daß er eine ähnliche Entwicklung
durchmache, aber keinem raten, die Frucht der Entwicklung vorwegzunehmen.
Wer das versucht, wird zum Nachahmer. Anstatt des wirklichen Lebens nimnit
er zu seinem Vorbilde die ausgeprägte Weise, wie ein anderer dieses Leben an
gesehen und dargestellt hat; so wird er der Natur entfremdet, von der jede
lebendige und selbständige Kunst, immer aufs neue, ausgehen soll. Schiller hat

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