Schiller ein Befreier.
231
mit redlichem Sinn von der Natur, wie er sie zu erkennen glaubte, Zeugnis
abgelegt; soll er Jüngeren ein Hemmnis werden das Gleiche zu tun? Aber
das ist ja überall das Tragische in dem Schicksal großer Männer, in dem Er
folge großer Männer — nicht bloß der Dichter und Denker —: daß die Welt
meint, den Punkt, an dem sie zuletzt angelangt sind, festhalten zu müssen,
während es das Rechte wäre, was freilich viel schwerer ist, in der frischen Kraft,
deren Ausübung sie an jenen Punkt geführt hat, ihnen nachzueifern. Schillers
Rede tönt in gewaltigem Pathos; aber dies war der Ausdruck aufrichtiger,
kraftvoller Gedanken. Wer die nicht hat und doch denselben Ton anschlägt, der
macht das Pathos zur Phrase, den Stil zur Schablone. Mit Recht sucht ein
neues Geschlecht neue Wege. Seine Nachbeter sind es, die Schiller verleugnen;
aus dem Kreise derer, die in seinem Namen gescholten werden, könnte ihm ein
Geistesverwandter erstehen.
Denn er selbst war kein Hüter der Überlieferung, sondern ein Befreier.
Sein ganzes Leben ist wie ein großes Ringen nach Freiheit; zunächst in buch
stäblichem Sinne. Sie kennen alle die gedrückte Jugend, die er vurchzumachen
hatte, als Schüler und Student unmittelbar der Willkür eines Fürsten preis
gegeben, der den Zöglingen seiner Akademie den Lebensberuf, die Beschäftigung,
ja die Denkweise vorschrieb und dafür als Wohltäter von ihnen gefeiert zu
werden beanspruchte. Wir besitzen noch heute vorschriftsmäßige Danksagungen
des Eleven Schiller, in denen das unnatürliche Wort zu lesen steht, daß ihm
dieser Fürst, der seine Eltern in den Stand gesetzt habe ihm Gutes zu tun,
viel schätzbarer sei und sein müsse als die Eltern selbst. War das Heuchelei des
Knaben, der die abhängige Lage seines Vaters kannte, oder seine wirkliche
Meinung? Es ist schwer zu sagen, welches von beiden trauriger wäre. Aber
das ist klar, wie unter solchem Druck der Tyrannenhaß erwachen mußte, der in
den ersten Dichtungen des Jünglings so leidenschaftlich emporlodert. Als er sich
dann mit gewaltsamem Entschluß den unerträglich gewordenen Fesieln entrissen
hatte, da gab es freilich nichts mehr, was ihn band, aber auch nichts, was ihn
hielt und stützte. Unstet und flüchtig schweifte er hierhin und dorthin, durch
die Großmut edeldenkender Menschen sein Leben fristend, vergebens nach lohnender
Beschäftigung suchend, dabei die Seele voll von kühnen, weltbewegenden Ge
danken, die es ihn drängte zur Gestalt zu bringen und mitzuteilen. Die Be
geisterung, die sein gedrucktes Wort in der Ferne geweckt hatte, verschaffte ihm
in dem Dresdener Freundeskreise die äußeren Bedingungen ruhiger Arbeit. Aber
es trieb ihn weiter, zur Selbständigkeit: so kam er nach Weimar und Jena.
Und hier endlich war es ihm beschieden, in der Ausübung eines geachteten Be
rufes, an der Seite einer feinsinnigen, seiner ganz würdigen Gattin ein heiteres
Glück zu finden, nach langem Sturm nun im sicheren Port sich zum Dauernden
zu gewöhnen.
17*

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.