232
I. Abteilung. Abhandlungen.
Doch eben hier stellte sich ihm eine neue Schranke peinlich entgegen. Der
Mann, um dessentwillen er hergekommen war, der Gewaltige, zu dem er be
wundernd aufblickte, dem er sich doch ebenbürtig fühlte, von dem zu empfangen,
an dem und mit dem zu wachsen er gehofft hatte: Goethe wies ihn zurück,
kühl, ja unfreundlich. Der aus Italien Heimgekehrte, in schnellem Übergang
vom Jüngling zum alternden Manne Gewordene fürchtete, durch den um zehn
Jahre Jüngeren in die stürmischen Erregungen zurückgezogen zu werden, die er
selbst bereits überwunden hatte. Und nun folgte für Schiller eine Zeit schmerz
lichen inneren Widerstreites, in dem ihn bald heißes Verlangen vorwärts treibt,
bald berechtigter Stolz zurückhält, bis zuletzt auch dieses eiserne Band gesprengt
war. Was der Verschmähte sich vorgenommen hatte, durch das, was er schuf,
den vorsichtig Zaudernden zur Anerkennung zu zwingen, dieses Mittel wirkte
langsam, doch sicher. Und so schlossen beide jenen unbeschreiblich segensreichen
Bund, in dem sie noch ein Jahrzehnt hindurch, bis zu Schillers allzu frühem
Ende, gemeinsam gelebt und gewirkt haben und wie zwei geistige Brüder, Söhne
des höchsten Zeus, für immer vor den Augen der Nachwelt stehen.
Es hat etwas Erhebendes, diesen Lebensgang zu betrachten: wie der Starke
das Schicksal zwingt, dem ein Schwächling erlegen wäre. Und noch eins ist
der Bewunderung wert. Wie arm war dieses Leben an äußeren Eindrücken,
wie wenig erschloß es von dem Reichtum der Welt, und doch welche Fülle
bunter, leibhafter Gestalten und wechselvoller Bilder weiß der Dichter in seinen
Dramen zu entwickeln! Nur zum kleinsten Teil aus der Erfahrung hat er den
Stoff dazu genommen, viel mehr aus dem eigenen Innern. Damit ist der Kern
von Schillers Wesen berührt.
Es gibt zwei von Grund aus entgegengesetzte Arten, die Aufgaben an-
zufaffen, die das Leben stellt, die in Kunst und Wissenschaft zu lösen sind. Der
Vertreter der einen Richtung geht von gegebenen Verhältnisien aus, sucht sie zu
verstehen und gewinnt aus ihnen die Antriebe zum Handeln; der andere ent
nimmt aus sich selbst und aus der bloßen Vernunft seine Erkenntniffe und
Motive. Beide unterwerfen sich einem höheren Gesetze: für den einen ist dies
die Notwendigkeit der Natur, für den andern der Zwang des eigenen Denkens.
Der eine fragt, wozu eine Sache gut sei, der andere, ob sie gut sei. Für den
einen ist Wohlstand, für den andern Freiheit das höchste Gut; der eine sucht
die Welt zu beglücken, der andere zu veredeln. „Jener beweist sich als Menschen
freund, ohne doch einen sehr hohen Begriff von der Menschheit zu haben; dieser
denkt von der Menschheit so groß, daß er darüber in Gefahr kommt die
Menschen zu verachten."
Deutliche Repräsentanten dieser zwei widerstreitenden Denkarten sind unsere
beiden großen Dichter; darauf beruhte der Reichtum ihres Gedankenaustausches.
Und das wußten sie selbst sehr gut; Schiller hat es in unvergänglichen Worten

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.