Schiller ein Befreier.
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Wort, das, wo man es nachspricht, zur verhängnisvollen Phrase werden kann;
bei ihm war es ein Ausdruck tiefinneren Erlebens. Jeder konfessionellen For
mulierung stand er fern, doch das Wesentliche besaß er: den Glauben an einen
höheren Sinn des Lebens, an die siegreich vordringende Kraft des Guten. Und
diese Zuversicht hatte er, wie alles, was stark in ihm war, nicht aus Erfahrung,
sondern aus dem eigenen Innern. Es war kein Zufall und keine Verirrung
gewesen, daß er sich, nach der Zeit des Don Carlos und der geschichtlichen
Studien, jahrelang der Philosophie ergab. Der denkende Geist in ihm bedurfte
der Versenkung ins Unergründliche, damit nachher die Phantasie des Dichters
aus neuen Tiefen schöpfen konnte. Hier eben lag sein Gegensatz zu Goethe, dem
das Unbedingte in Schillers Denken und Wollen fremd war, dieser Gegensatz,
der erst feindlich empfunden wurde, dann zu wechselseitiger Ergänzung wirkte.
Und hier liegt Schillers Bedeutung für uns.
Unsere Zeit ist stark darin, die Wirklichkeit zu erfassen und zu benutzen;
der Begriff „Realpolitik", den sie geprägt hat, gilt nicht bloß für die Ver
hältnisse des Staates. Auf den verschiedensten Gebieten der Tätigkeit, im
Erwerbsleben, in der Literatur, in Wissenschaft und Kunst, überall bewährt sich
das gleiche Verfahren: mit gegebenen Größen zu rechnen und durch deren ge
schickte Verwertung möglichst große Resultate zu erzielen. Wir freuen uns, daß
dies in reichem Maße gelingt; aber wir wollen auch die Gefahr nicht verkennen,
die damit verbunden ist: daß wir, im steten Hinblick auf das außer uns Ge
gebene, das wir uns zunutze machen wollen, mehr und mehr von ihm abhängig
werden und die Kraft der freien Selbstbestimmung verlieren. Es wird gern
wiederholt, was Schiller lehrte, daß man den Wert eines Menschen nicht nach
dem schätzen soll, was er hat oder tut, sondern nach dem, was er innerlich ist;
wir erheben uns an dem Gedanken des kühnen Maltesers, auf Geistesfreiheit
und Menschenwürde ein Reich zu gründen; jubelnd stimmen wir ein, wenn das
Lied erklingt, in dem unser Dichter zu Männerstolz vor Königsthronen die
Freunde aufrief: sind solche Forderungen seit hundert Jahren der Erfüllung sehr
viel näher gerückt?
Man wird einwenden: „Daß Schillers Gedanken heute zurückgedrängt sind,
ist ein Beweis gegen ihre Kraft." O nein. Die Entwicklung geht auf und
ab, von einem Äußersten zum andern, wie in den Schwingungen eines Pendels.
Jene beiden entgegengesetzten Denkrichtungen sind berufen einander zu ergänzen.
Da es aber, nach der Unvollkommenheit irdischer Natur, kaum jemals gelingt
sie persönlich oder zeitlich zu vereinigen, so vollzieht sich die Ergänzung dadurch,
daß immer eine die andere ablöst. In einem herrlichen Gedicht hat Schiller
ausgeführt, wie der einzelne, der im Kampfe des Lebens bestehen will, gut tut,
nicht ununterbrochen darin zu verharren, von Zeit zu Zeit die Gedanken ab
zuwenden und in das Reich des Ideals zu erheben; nicht um den Sorgen und

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