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I. Abteilung. Abhandlungen.
innerlich und äußerlich erfahren und erlebt haben, und dieser Totaleindruck ver
schmilzt sofort mit dem Anblick der Sacke." Und Carriere schreibt an ver
schiedenen Stellen seiner Ästhetik: „Das Schöne wird uns um so wertvoller, je
reichere Nahrung für Geist und Herz es bietet. — Der Herzensanteil, den wir
einer Sache entgegenbringen, beeinträchtigt die Schönheit nicht. Das Auge sieht
nur das mit rechter Schärfe sich au, was auch das Herz bewegt oder den Geist
erleuchtet, und mit dem bedeutenden Inhalt zieht dann auch die Freude an der
Kunstform in das Gemüt ein. — Wir wollen beim Schönen nicht sowohl
studieren als anschauen und genießen, darum soll es verständlich sein. Ist schon
der Stoff im Volksleben gegründet, im Volksgemüt vorgebildet, so wird es die
schönste Aufgabe des Genius sein, daß er ihm nun die Weihe der Form
vollendung gebe." — Es wird Ihnen, meine Herren, nicht entgangen sein, daß
diese theoretischen Erörterungen ihre große praktische Bedeutung haben, wie sie
uns den innigen Zusammenhang zwischen der künstlerischen und der allgemeinen,
zumal der religiös-sittlichen Bildung zum Bewußtsein bringen und zeigen, wie
der Künstler den Lehrer, und der Lehrer den Künstler nötig hat, um auf die
Volksseele wirken zu können, wie denn auch der künstlerische Einfluß nicht anders
geschieht, als daß er das, was schon schlummert, erweckt, das Vorhandene ent
faltet, die Phantasie zum eigenen Sichregen und Hervorbringen befruchtet, wie
der liebenswürdige L. Richter in seiner Art schreibt (Vorrede zu „Fürs Haus"):
„Schon seit vielen Jahren habe ich den Wunsch mit mir herumgetragen, in einer
Bilderreihe unser Familienleben in seinen Beziehungen zur Kirche, zum Hause
und zur Natur darzustellen und somit ein Werk ins liebe deutsche Haus zu
bringen, welches im Spiegel der Kunst jedem zeigte, was jeder einmal erlebt,
der Jugend Gegenwärtiges und Zukünftiges, dem Alter die Jugendheimat, den
gemeinsamen Blumen- und Paradiesesgarten, der den Samen getragen hat für
die spätere Saat und Ernte. Gelingt es nun, das Leben in Bildern, schlicht
und treu, aber mit warmer Freude an den Gegenständen wiederzugeben, so wird
ja wohl in manchem der einsam oder gemeinsam Beschauenden der innere Poet
geweckt werden, daß er ausdeutend und ergänzend schaffe mit eigener Phantasie." —
Die Bedeutung einer klaren Stellungnahme in diesen prinzipiellen Fragen möchte
ich aber noch an einem einfachen Beispiel illustrieren. Schubert schreibt in der
erwähnten Schrift: „Die Kunst bietet dem Menschen wenigstens den Schein
desien, was die Wirklichkeit versagt. Recht charakteristisch war die Stellungnahme
einiger Sozialdemokraten gegen ihre Zeitung, die ihnen immer Armeleutegeschichten
auftischte; davon hätten sie im Leben genug, die Zeitung solle ihnen Geschichten
aus andern Sphären bieten." Ich zweifle nun nicht daran, daß Geschichten
etwa aus den Offizierskreisen oder den Banquierzirkeln von Berlin W. lebhaftes
Interesse bei den Arbeiterlesern gefunden hätten, geradeso wie umgekehrt die Herr
schaften aus Berlin W. die grausenvollen Armeleutegeschichten eines Emil Zola

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