244 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
gewiesen, daß die mit Gleichungen operierenden Knaben einer Oberklasse eine
einfache Zinsrechenaufgabe (in welcher Zeit tragen 24000 Gulden Kapital zu
5 5 /e Proz. 9450 Gulden Zinsen?) nur zur Hälfte (16 von 30 Schülern)
lösen konnten. Ähnlich ging es mit einer einfachen Textgleichung, und eine
Zinseszinsaufgabe konnte nur durch Ausrechnung der Zinsen einzeln gelöst werden.
Im Bescheid vom 6. Juli 1880 wird es gewiß mit Recht als ein Miß
Verhältnis bezeichnet, daß von 5500 Schülern der Mannheimer Volksschulen
ganze — 80 die oberste Klasse erreichten; und in erster Linie sei dafür der
Widerspruch zwischen der natürlichen Leistungsfähigkeit und den Forderungen des
Lehrplans als Grund geltend zu machen. Die Schüler, die im sechsten Jahr
gang bereits zur Entlassung kamen, bekamen von Körperberechnung nichts zu
hören, die Naturlehre trat ebenfalls nicht in ihren Gesichtskreis, sie lernten keine
fremden Erdteile kennen, und die vaterländische Geschichte der letzten drei Jahr
hunderte blieb ihnen ein Buch mit sieben Siegeln. Einige Jahre half man sich
dadurch, daß man sogenannte „Konfirmandenklaffen" bildete, in denen die Schüler
aus dem sechsten und siebten Jahrgang vereinigt wurden, welche zur Entlassung
kamen. Trotz einer Revision des Lehrplans 1887, die aber nur wenige Ab
striche im mathematischen Unterrichte brachte, blieben die Ergebnisse auch von
1887—1897 im ganzen dieselben. Durch ausführliche Darlegung der bestehenden
Verhältnisse, die man anfangs durchaus nicht für so schlimm hielt, suchte nun
der seit 1895 an der Spitze des Mannheimer Volksschulwesens stehende Stadt
schulrat Dr. Sickinger für seine Reformideen einer anderen Organisation der
Schulen Propaganda zu machen. Nachdem er auch die Lehrerschaft dafür ge
wonnen und ebenso die Ärzte dieselbe befürwortet im hygienischen Jntereffe,
gingen die modifizierten Reformvorschläge Dr. Sickingers im Stadtrate durch,
und es traten nach und nach die geplanten Klassen ins Leben. Im Schuljahre
1901/1902 wurden zwei Hilfst lassen für die krankhaft schwachbegabten
Kinder eingerichtet, die bis 1904/1905 auf sechs Klassen mit 99 Kindern an
wuchsen. Neben den bestehenden Klaffen des Hauptsystems wurden 1901 noch
vier gemeinschaftliche Wiederholungsklassen mit 151 Kindern ein
gerichtet, in denen zurückgebliebene Kinder denselben Stoff noch einmal durch
machten; wer gute Fortschritte machte, konnte wieder in seine ehemalige Klaffe
eingereiht werden. Diese Wiederholungsklaffen stiegen im letzten Schuljahre be
reits auf 30 Klaffen mit 876 Schülern. Zu diesen neuerdings „Förder
klaffen" genannten traten dann noch zehn Abschlußklassen, drei für Knaben
und sieben für Mädchen (letztere haben nach dem badischen Schulgesetz meist nur
sieben Schuljahre, da die zwischen dem 1. Juli und 31. Dezember 14 Jahre
alt werdenden Kinder schon Ostern mitentlaffen werden) für die aus dem fünften
und sechsten Jahrgang zur Entlassung kommenden Schüler; 1904/1905 sind es
bereits 17 Abschlußklaffen mit 561 Kindern geworden, so daß nun wenigstens
die Mehrzahl eine einigermaßen abgeschlossene Bildung bekommt. Dr. S. hebt
ausdrücklich hervor, daß die Schüler der Sonderklassen sich durchaus nicht gedrückt
fühlten, sondern durch die ihnen in erhöhtem Maße zugewandte Aufmerksamkeit
und Teilnahme der Lehrer angeregt, ermutigt werden, sich gehoben fühlen, da
sie nun den gestellten Anforderungen entsprechen und auch etwas leisten könnten.
Auch die Eltern befreundeten sich bald mit der Einrichtung, zumal dadurch den
mittelmäßig und schwachbegabten Kindern das nicht mehr zugemutet wurde, was
sie beim besten Willen nicht leisten konnten. Die den Hilfsklaffen überwiesenen

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