Eine Konferenzverhandlung über die Mannheimer Schulorganisation. 245
Kinder wurden dazu noch besonderer hygienischer Vorteile teilhaftig; sie wurden
in erster Linie bei Ferienkolonien, Aussendung in Solbäder, Austeilung von
warmem Frühstück, Mittagessen, in den Kinderhorten usw. berücksichtigt.
Wie stellen wir uns zu Dr. Sickingers Vorschlägen?
Es muß von vornherein anerkannt werden, daß der Gedanke S.s, den
Schwachen und den Befähigteren gleichermaßen in der Schule gerecht zu werden,
ein berechtigter ist. Er ist für jeden Lehrer beherzigenswert; auch in unseren
Schulen gibt es schwache Kinder, denen man zu wenig nachgehen kann, aber
auch begabte, denen man nicht genug bietet und die viel mehr leisten könnten,
wenn sie nicht durch den großen Haufen zurückgehalten würden. Daß die Dinge
in Mannheim aber so weit gekommen sind wie sie Dr. S. bei seinem Amts
antritte vorfand, liegt doch im letzten Grunde an der in Mannheim eingeführten
Zentralisation des Schulwesens in großen Schulkasernen und einer ganz un-
pädagogischen Gestaltung des Lehrplans mit seinen übergroßen Anforderungen
an alle Kinder im mathematischen Unterrichte. In der Altstadt Mannheim gibt
es 17 sogen. „Schulabteilungen", die je nach der Größe des Schulhauses bis
zu 30 Klassen umfassen und gewöhnlich eine Knaben- und Mädchenabteilung
umschließen, so daß z. B. neun Schulkomplexe in diesem Teile der Stadt vor
handen sind. Mannheim hat nicht, wie wir es Gott sei Dank noch haben, be
stimmte Schuleinweisungsbezirke, es gibt nur eine Mannheimer Volksschule, die
Kinder werden in die Schule gewiesen, wo man nach Dr. S. «die denkbar beste
Förderung" ihnen zuteil werden lassen kann. Uns, die wir noch an dem
„familienhaften" Charakter der Schule mit unserem Heimgegangenen Dörpfeld
festhalten möchten und darum entschiedene Gegner der großen Schulkasernen sind,
da sie ein gedeihliches Zusammenarbeiten mit dem Hause erschweren, erscheint
das Mannheimer System zu künstlich. Da wird das Band zwischen Haus und
Schule durch die vielleicht alljährlich bewirkte Umschulung zu leicht zerrissen,
wenn es überhaupt noch ein Band zwischen den beiden Hauptfaktoren der Er
ziehung gibt. An einer Stelle seiner Schrift meint Dr. Sickinger, und es ist
gewiß viel Wahres darin: „Mit dem Versagen des häuslichen Erziehungsfaktors
muß die Volksschule der Großstadt mehr und mehr rechnen. Das starke An
wachsen der Bevölkerung durch Zuzug von außen hat zur Folge, daß die Zahl
der Kinder in steter Zunahme begriffen ist, deren geistige und sittliche Förderung
ausschließlich der Schule anheimfällt. Bedenkt man, daß die Kinder der letzteren
Gattung von Haus aus mehr oder weniger auch physisch geringer qualifiziert
sind, so kann man sich ungefähr eine Vorstellung machen von der Verschieden
artigkeit der Leistungsfähigkeit der in der einfachen Volksschule wahllos zusammen
gewürfelten Elemente." So gering denken wir doch noch nicht von dem Einfluß
des Hauses, und für so einschneidend halten wir andererseits auch nicht den
Einfluß der Schule, halten vielmehr dafür, daß alles geschehen sollte, um beide
Faktoren sich näher zu bringen zu gemeinsamer Arbeit. Das wird aber viel
eher möglich sein, wenn jedes System seinen bestimmten Bezirk hat, wenn Lehrer
und Eltern sich kennen und aussprechen können über das, was dem Kinde
frommt. Bei der besonderen Lage Barmens würde z. B. die Einführung der
Mannheimer Organisation unbedingt zur Folge haben, daß die bestehenden
konfessionellen Schulen beseitigt und die Simultanschule eingeführt würde, und
weiter wäre die Trennung von Knaben und Mädchen in besondere Klassen wohl.
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