246 II Abteilung Zur Geschichte des Schulwesens rc.
nur eine Frage der Zeit: zwei Dinge, gegen die wir uns mit aller Entschieden
heit erklären müssen.
Fraglich erscheint uns auch trotz der gewiß wohlgemeinten Organisation in
Mannheim (bei der Lektüre des obengenannten Buches von Dr. S. merkt man
es tatsächlich überall, daß hier ein Mann redet, der es voll und ganz ernst
nimmt mit seiner schweren Aufgabe und unter den bestehenden Verhältnissen das
Beste für die Kinder tun möchte), ob wirklich in diesen Riesen-Schulkörpern das
einzelne Kind zu seinem Rechte kommt. Es sinkt so leicht zur bloßen Nummer
herab, denn ein wirkliches persönliches Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler
kann sich am besten in einem kleinen System herausbilden. Mit der verschieden
artigen Begabung der Kinder müssen wir nun einmal rechnen, universell begabt
ist selten ein Mensch. Selbst die größten Männer der Geschichte hatten ihre
Schwächen; ein Napoleon war für Mathematik, Geographie, Geschichte hervor
ragend begabt, für Sprachen so wenig, daß er nicht einmal die französische
Sprache ordentlich lernte. Goethe wiederum konnte mit zehn Jahren einen
Roman schreiben und sich in sieben Sprachen verständlich machen (Italienisch lernte
er vom Zuhören bei seiner Schwester Unterricht), während er für Mathematik
und Philosophie weniger Interesse hatte. Wir können darum von unseren Kin
dern unmöglich in allen Fächern gleich gute Leistungen verlangen, sondern müßen
ihre Schwächen in dem einen oder andern Fache mit Geduld tragen und durch
treue Arbeit so viel als möglich den Unterschied auszugleichen suchen. Es bleibt
immer etwas gewagt, lauter schwache Kinder zusammen zu setzen, ein begabtes
zieht doch vorwärts und übt damit einen Sporn aus auf die andern. Den
Gedanken Sickingers, durch sukzessiven Abteilungsunterricht (d. h. die Kinder
einer Klasse haben nicht alle Stunden eines Faches gemeinsam, sondern nur
einige, und dann sind die geförderteren in einigen Stunden allein und ebenso
die schwächeren) könnte man leichter realisieren (denn es ist wirklich ein ganz be
rechtigter Kern darin), daß man die schwächeren Schüler einen Teil der Stunde
noch einmal mündlich vornimmt, während die besseren die Sache schriftlich machen.
Überhaupt müßten unsere Schüler mehr selbsttätig sein, in unseren einstufigen
Klassen wird viel zu viel vom Lehrer geredet, und die Schüler tun zu wenig.
Das ist gerade der Vorzug der ein- und wenigklassigen Schulen, daß sie den
Lehrer zwingen, die Kinder mehr für sich arbeiten zu lasten. Wir können es
auch, wenn wir die nötige Willenskraft haben und konsequent bleiben. Vergessen
wir aber auch die begabteren Schüler niemals, sondern suchen ihnen durch ihren
Fähigkeiten entsprechende Aufgaben die verliehenen Kräfte möglichst auszubilden,
damit sie im späteren Leben wirklich damit etwas ausrichten können. Nicht em-
pfehlenswert erscheint dagegen ein forziertes Vorwärtsschieben solcher begabten
Kinder von unten auf, so daß sie womöglich drei und vier Jahre in der Ober
klasse sitzen müssen. Mehr als ein- oder zweimal sollte eine Klasse nicht über
sprungen werden. Wenn ein zu Ostern versetztes Kind absolut nicht mitkommen
kann, so sollte man es nicht unnütz das ganze Jahr hindurch quälen, sondern
zurückversetzen, oder wenn es vielleicht in dem einen oder andern Fache (am
häufigsten wird es im Rechnen der Fall sein!) schwach ist, in dem nächst-
niederen Jahrgang in dem betr. Fache hospitieren lassen, das
wirkt oft außerordentlich fördernd ein. Einen nicht geringen Teil unserer schwachen
Schüler könnten wir auch dadurch verlieren, daß wir Kinder, die körperlich so
elend sind, daß sie im ersten Schuljahre noch nicht dem Unterrichte folgen können,

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