Volkstümlicher apologetischer Kursus.
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Am zweiten Tage, dem 26. April, sprach morgens Pastor Icko. Soge-
meier von Wellinghofen bei Dortmund über das Thema: „Jesus und Paulus."
Die Grundgedanken des Vortrages waren etwa folgende: In der Beurteilung
der neusten religionsgeschichtlichen Schule erscheint Paulus in einer ganz andern
Beleuchtung als bisher. Er habe gewissermaßen als ein zweiter Stifter des
Christentums zu gelten. Ohne ihn würde die christliche Lehre auf das Volk der
Juden beschränkt geblieben sein. Er habe ihr erst durch entsprechende Aus
gestaltung oder auch Umgestaltung den Charakter gegeben, der sie befähigte, Welt-
religion zu werden. Jesu Lehre sei so einfach, so unmittelbar zum Herzen der
Menschen sprechend, zum Vertrauen auf Gottes Vaterliebe anleitend, der Liebe,
die keine weitere Vermittelung bedürfe. Paulus gehe von allerlei objektiven
Voraussetzungen aus. Nach ihm gehöre zum Christentum eine bestimmte Ansicht
über Gott und göttliches Wirken, Glaube an die Person Jesu. Er habe
rabbinische und auch heidnische Vorstellungen der reinen, so überaus einfachen
Lehre Jesu beigemischt. Natürlich sei er in den Kreis der Weltanschauung der
damaligen Zeit gebannt. Wir seien darüber hinaus fortgeschritten. Wir müßten
uns von Paulus losmachen und zu der reinen Urform der christlichen Lehre
zurückkehren; dann würde man einen neuen Aufschwnng des christlichen Lebens
herbeiführen. — Es handelt sich hierbei nicht etwa nur um Unterschiede for
maler Art. Auch der Inhalt der christlichen Lehre soll durch Zutaten von
Paulus geändert sein. So sind nach einem Vertreter der neusten Richtung,
Wernle, das Kreuz, die Auferstehung, der Gottessohn vom Himmel Neuerungen
paulinischer Theologie. Die objektiven Heilstatsachen sollen nur die Bedeutung
des Gerüstes für den geschichtlichen Aufbau haben; es wird, nachdem es seinen
Dienst getan, abgebrochen. Was dann übrig bleibt, ist ein Evangelium, das
zum Herzen spricht. Sei wahrhaftig, demütig, liebevoll und vertraue dem Vater
im Himmel! Es ist gewissermaßen das Christentum Jörn Uhls. Recht tun
und Vertrauen haben, das ist alles.
Die Geschichte der Kirche freilich schon kann uns eines andern belehren.
Sie zeigt auf Schritt und Tritt, daß das christliche Leben zu versiegen pflegt,
wenn man sich vom Boden der Heilstatsachen entfernt und sich in mehr oder
weniger allgemeine religiöse und sittliche Ideen verliert. Aber um einen festen
Standpunkt zu gewinnen, müssen wir auf den letzten, innersten Grund des
Glaubens zurückgehen und fragen: Weswegen sind die Heilstatsachen, vor allem
Tod und Auferstehung des Sohnes Gottes, unveräußerliche Bestandteile bei
unserer christlichen Glaubensgewißheit?
Äußerlich angesehen ist da zwischen hüben und drüben eine weitgehende
Übereinstimmung: Jesus Christus, so sagen die einen wie die andern, ist der
lichte Punkt in der Geschichte der Menschheit, an ihm geht uns die Erkenntnis
Gottes auf. Während der alte Rationalismus seine Erkenntnisse aus der Ver
nunft schöpfte, will die andere Schule sie aus der Geschichte entwickeln. Religions
geschichtliche Methode. Wir führen auch unsern Glauben auf den geschichtlichen
Christus zurück.
Aber die Übereinstimmung ist doch nur äußerlicher Art. Das muß sich
zeigen, wenn wir geschichtlich die Lebenswirkungen Jesu verfolgen. Nach seiner
Auffassung ist Jesus bei aller überragenden Hoheit doch schließlich ein Mensch
wie wir. Das soll aus den drei ersten Evangelien hervorgehen. Das Johannes
evangelium wird ja als Quelle nicht anerkannt, weil der darin geschilderte Jesus

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