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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
zu der vorgefaßten Meinung absolut nicht paßt. Aber auch in den ersten drer
Evangelien findet sich eine nicht geringe Zahl von Stellen, die über die mensche
liche Linie Hinausweisen. Er redet von der Hingabe seines Lebens — eine Er
lösung für viele. Er nennt sich „den Sohn", im Gegensatz zu den Propheten
und Gottesmännern, die vor ihm gewesen sind. Er nennt sich den Richter der
Welt usw.
Da wirft man nun freilich ein: Wir haben nur Berichte von Leuten, die
im Verhältnis des Glaubens zu ihm gestanden haben. In die geschichtliche
Überlieferung sind Glaubensurteile eingefloffen. Auch bei den drei ersten Evan
gelisten muß erst das Bild Jesu von einer gewissen Übermalung befreit werden,
wenn es rein sein soll. Überhaupt sind solche einzelnen Belegstellen nicht maß
gebend, sondern die Gesamtauffassung, wie sie sich aus Wort und Werk ergibt.
Nun, auch die Gesamterscheinung des Herrn paßt nicht in den Rahmerr
reinen Menschentums hinein. Nach seinem Selbstzeugnis ist mit ihm, mit seiner
Person das Reich Gottes gegeben; es ist da, nur weil e r da ist. Man will
heutzutage gern in der Bergpredigt die Grundbestimmung des reinen Christen
tums, die gereinigte Sittenlehre, sehen. Aber man übersieht dabei die Haupt
sache. Jesus will nicht Sittenlehre bringen, sondern die Verwirklichung des
Reiches Gottes. Es ist etwas anderes, die Idee und die Verwirklichung der Idee.
Hier scheiden sich die Wege. Entweder wir Menschen sind es mit unsern
Anlagen und Kräften, die das Reich Gottes bringen, oder es ist Jesus allein.
Wenn wir es vermögen, so genügt uns die sittliche Aufklärung. Ist Jesus es
allein, dann ist alle Hoffnung allein auch an ihn geknüpft. Dann liegt das
Heil für jeden Menschen im Glauben an ihn. in seiner Nachfolge.
Das majestätische Selbstbewußtsein begleitet Jesum bei allen seinen Reden
und all seinem Tun: Er allein ist der Helfer, der Tröster in aller Not. Er
ist der Heiland der Seele. Er vergibt Sünden. Niemand kommt zum Vater
denn durch ihn. — Dabei ist es durchaus nicht so, daß er ohne weiteres ver
klärend, zu einer höheren Vollkommenheit führend auf seine Ümgebung wirkt.
Im Gegenteil, an ihm entzündet sich der Haß, der ihn schließlich in den Kreuzes
tod hineinstößt. Auch bei den Jüngern tritt der Gegensatz zutage. Sie sind
nicht imstande, ihm bis zum Tode im Glauben treu zu bleiben; sie verlasien
ihn und fliehen vor ihm. Auf seinem Kreuzeswege ist er ganz allein. Er ist
es allein, der die Treue hält. Darin beruht das Heil der Welt.
Mit dem Glauben an den Auferstandenen wird ein Neues in den Jüngern.
In den Mittelpunkt ihrer apostolischen Predigt tritt die Botschaft von dem ge
kreuzigten und auferstandenen Heiland. Christen sind nach der Lehre des Neuen
Testamentes solche, die ein religiöses Verhältnis zu Christus gewonnen haben,
die an ihn glauben, die zu ihm beten. Jesus hat als Prophet auch den heiligen
Willen Gottes verkündigt; aber der Kern des Evangeliums ist die Botschaft von
dem für uns Gekreuzigten und Auferstandenen. Seine Liebesgemeinschaft mit
den Menschen wurde zur Leidensgemeinschaft um unsertwillen. — Auch das
paulinische Evangelium ist kein anderes. Bei aller Verschiedenartigkeit der einzelnen
Jüngerpersönlichkeiten und der Art ihrer Verkündigung, sie sind doch alle eins
und einmütig in der Predigt: „Es ist in keinem andern Heil." Die Jünger
sollten nicht Wiederholer dessen sein, was Jesus gepredigt hatte, sondern sie
sollten seine Zeugen sein, nicht nur zeugen von seiner Bergpredigt, sondern von
dem, was sie mit ihm bis zu seinem Tode und zu seiner Auferstehung und nach-

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