Volkstümlicher apologetischer Kursus.
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her erlebt hatten. Solch ein Zeuge ist Paulus gewesen. Er hat nicht die Lehre
Jesu durch neue Lehren erweitert. Sein Evangelium hat nur eine Voraus
setzung: Die Geschichte Jesu Christi. Daher nennt er selbst es Evangelium von
Jesu Christo.
Nun erhebt der moderne Mensch gegen die Paulinische Fassung des Evan
geliums Widerspruch. Er meint Abstriche machen zu müssen, um es annehmen
zu können. Es sind besonders drei Punkte hierbei hervortretend, die Entstehung
der christlichen Begriffe, der sittliche Wert der Sühne, die objektive Bedeutung
der christlichen Erfahrung.
Die religionsgeschichtliche Schule spürt mit großem Scharfsinn und Fleiß
aus, wo irgend eine Beziehung zu zeitgeschichtlichen Begriffsbildungen der Juden
oder auch zu mythologischen Vorstellungen der Heiden sich feststellen oder auch
nur vermuten läßt. Besonders die paulinische Darstellung soll hiervon aufs
stärkste beeinflußt sein. Demgegenüber ist zu sagen, daß allerdings im ganzen
Neuen Testament eigentlich kein einziger Begriff absolut neu ist, daß aber der
mütterliche Boden für die neutestamentliche Begriffsbildung im Alten Testamen-t
zu suchen und zu finden ist. Die alttestamentliche Heilsgeschichte hat in dieser
Beziehung der neutestamentlichen Vollendung vorgearbeitet. Für die Apostel war
der Anschluß an das Alte Testament das Natürliche und wurde von ihnen in
bewußter Weise vollzogen. Der innere Zusammenhang drängt sich auch uns in
der Wahrnehmung auf, daß man ohne Schwierigkeit über einen alttestamentlichen
Text eine christliche Predigt halten kann, während man bei dem Versuche, etwa
über Goethe, Schiller oder gar Homer zu predigen, unwillkürlich eine Gegen
sätzlichkeit empfinden wird. — Die Resultate der Bemühungen der religions
geschichtlichen Schule in dieser Richtung sind sehr zweifelhafter Art. Übrigens ist
doch auch schließlich die Herkunft der Begriffe von geringerer Bedeutung als die
religiöse Wahrheit. Von unserm religiösen Verhältnis zu Jesu empfangen sie
die rechte Bedeutung. Wie sollte man einen treffenderen Ausdruck finden als
z. B.: »Der Sohn Gottes vom Himmel her", mag auch in der heidnischen
Mythologie von Göttersöhnen die Rede sein?
Dann der sittliche Wert der Sühne. Man sagt, Sühne sei ein kultischer
Begriff des Alten Bundes, eine Rechtsnorm der jüdischen Theokratie, ohne
moralische Bedeutung. Solch ein objektiver Unterbau sei für die Vergebung
nicht nötig. Der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn vergebe ohne vor
hergegangene Sühne. Aber Jesus bindet doch die Vergebung an Bedingungen.
Er gibt die Versicherung der Vergebung doch nur denen, die sich im Glauben
an ihn halten. Das Wort der Vergebung ist nicht ein leerer Schall, sondern
eine Kraft nur, weil es aus seinem Munde kommt. — Man fragt: Weshalb
sollte der Tod Jesu nötig gewesen sein, und ohne ihn keine Versöhnung? Wenn
da auch immer etwas Geheimnisvolles bleiben wird, so können wir doch die
Menschen in unserer Zeit, die so gern die Unverbrüchlichkeit der Naturgesetze be
tonen, fragen, ob es nicht vielleicht eine Unverbrüchlichkeit des Sittengesetzes gibt.
Sünde und Schuld sind furchtbare Realitäten, die sich als drückende Lasten
geltend machen und sich nicht wegräsonnieren lassen. Es ist ein Schuldzusammen
hang im ganzen Menschengeschlecht, so daß jeder für sich und auch für andere
an der Last zu tragen hat. Sollten wir von hier aus nicht verstehen, daß der
eine, dessen Beruf es war, für alle da zu sein, auch die Sünden aller auf sich
nehmen konnte? Das Opfer spielt auch im gewöhnlichen Leben eine Rolle.

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