Die Konfessionalität der Volksschule im „alten" Preußen. 255
Deutschlands in den einzelnen Territorien Platz griff und in dem Satze gipfelte,
daß der Landesherr das Recht habe, über die Konfession seiner Untertanen zu
bestimmen, dieser aber, falls sie sich in ihrem Gewissen bedrückt fühlten. es un
benommen blieb — auszuwandern: dieses Staatskirchentum hatte die Glaubens
einheit zur Folge; eine andere als die konfessionelle Schule scheint demnach
undenkbar. Jndeffen erinnern wir uns demgegenüber daran, daß gerade in
Brandenburg-Preußen der Landesherr auf dieses Recht verzichtete, daß vielmehr
schon unter Johann Sigismund (1613) dessen Fürstenhaus sich dem reformierten
Bekenntnis anschloß, ohne von der großen Mehrheit seiner Untertanen, die Luthe
raner waren, das gleiche zu verlangen, und daß derselbe Herrscher infolge des
Jülich-Cleveschen Erbvergleichs zu seinen evangelischen Untertanen hier im Westen,
in Cleve und Mark, katholische hinzufügte. Erinnern wir uns daran, daß der
große Kurfürst diesen in einem Nebenrezeß des „Hauptvergleichs" zu Cleve am
9. September 1666 ausdrücklich ihre „Kirchen, Gemeinden und Schulen" zu
sicherte. Die Frage, ob konfessionelle oder Simultanschule, berührt also unsern
Westen schon zur Zeit des „alten" Preußen. Ihre Beantwortung knüpft
wiederum an die Reformation an. Wenn diese auf der einen Seite auch die
Pflege des geistigen Wohles des Volkes säkularisierte, also dem Staat die
Kulturpflichten zuwies, die vorher die Kirche erfüllt hatte, so galt doch auf der
andern Seite die Schule, speziell die Volksschule, als Anhängsel der Kirche .Damit
ist auch im Westen ihr konfessioneller Charakter gewahrt. Die staatlichen „Schul
ordnungen" waren zuerst geradezu Teile der „Kirchenordnungen" und wurden
mit diesen gesondert für die einzelnen Konfessionen — selbst innerhalb des evan
gelischen Bekenntnisses — erlassen. Und als dann unter den eigentlichen Be
gründern der preußischen Volksschule, unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich
dem Großen, zuerst selbständige Schulordnungen erschienen, die für die ganze
Monarchie Geltung haben sollten, da bezogen sich in Cleve und Mark auch
diese jedesmal nur auf die Schulen eines und desselben Bekenntnisses: das be
kannte Generallandschulreglement Friedrichs des Großen vom 12. August 1763
ist hier nur für die lutherischen Schulen verbindlich; für die reformierten Ge
meinden arbeitete die reformierte Synode in Cleve selbst eins aus, das erst am
10. Mai 1782 für Cleve und Mark publiziert wurde?) Die Schulaufsicht
ferner liegt hier durchweg in den Händen des Pastor loci; die Prüfung
nehmen außer bei den reformierten Lehrern, wo sie vor dem Provinzial-Schul-
kollegium in Cleve zu bestehen ist, die Vorsitzenden der Kirchenverbände oder
auch wieder die Ortsgeistlichen ab, die auch bei der Anstellung oft ein gewichtiges
Wort mitzusprechen haben.
Wir sind in der Lage, uns auf Grund von umfangreichen Revisions
protokollen ein genaues Bild des Volksschulwesens in dem etwa 20 Quadrat
meilen großen rechtsrheinischen Teil des Herzogtums Cleve etwa um 1800 zu
machen?) Da ist es nun bemerkenswert, daß Gemeinden, auch auf dem Lande,
die 25, 20, 15, ja selbst nur 10 schulpflichtige Kinder stellen, ihre eigene
„deutsche" Schule haben, ihren eigenen Lehrer aufweisen, und zwar auch dann,
wenn sich in demselben Orte, in derselben Bauernschaft eine ebenso schwach be-
-) Vgl. Zeitschr. des Berg. Geschichtsvereins XXXVII, 212 ff.
2 ) Eine ausführliche Darstellung von dem „Stande des Landschulwesens und der
Landschullehrer im Herzogtum Cleve vor hundert Jahren" auf Grund dieses Akten
materials wird in Bälde in Steinhaufens Archiv für Kulturgeschichte erscheinen.

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