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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Sitzung des Stadtrates wurde die Sache öffentlich behandelt. Das Verhalten jener
Rektoren wurde fast allgemein aufs schärfste verurteilt. — Aber die Katholiken ließen
ihre Leute nicht im Stich. In einer großen, tausendköpfigen Versammlung der
Zentrumsleute wurde gegen das Verhalten des Herrn Stadtschulrats sowie gegen die
Angriffe Vonseiten der Stadtverordneten lebhaft protestiert, man verlangte Gewissens
freiheit für die Schulleiter, für Eltern und Schüler und kündigte die Forderung eines
katholischen Kreisschulinspektors an.
Soweit die Tatsachen. Was lehren sie? Daß die Verteilung einer unverkürzten
Schillerausgabe an zwölf- bis dreizehnjährige Kinder ein Mißgriff war, wird jeder
Einsichtige zugestehen. Die Erklärung der städtischen Verwaltung, es habe sich um
eine Gabe gehandelt, die über das Bedürfnis des Augenblicks hinaus für das Leben
Wert haben solle, kann nicht recht ernst genommen werden. Dann müßte man den
Kindern einen zuverlässigen Führer beigeben für das, was sie zunächst lesen sollen.
Am bezeichnendsten ist das Verhalten der Stadtverordneten wie der Katholiken. Jene
vertreten ganz den Standpunkt des biederen Bildungsphilisters, der etwas für die
Menschheit getan zu haben glaubt, wenn er möglichst viel Bände eines Klassikers unter
das Volk geworfen hat. Es war bei der Feier am 9. Mai doch recht viel Lärm da
bei, der den wahren Kenner und Verehrer Schillers sonderbar berühren mußte. Etwas
solch Äußerliches war auch zunächst das Verteilen dieser Bücher. Wenige Wochen ge
nügen, und niemand denkt mehr an Schiller und seine Werke. Es bleibt bei den
meisten nur die Erinnerung an einen großen Namen. Ferner war für gewisse Stadt
verordnete die Heftigkeit ihres Vorgehens bezeichnend. Selbst wenn man den Stand
punkt der bedenklichen Rektoren nicht teilen konnte, so hätte man doch anerkennen
müssen, daß sie ihr Verhalten in Übereinstimmung mit ihrer sittlichen Einsicht hatten
halten wollen. Aber für diese Geltendmachung der persönlichen Freiheit fand sich kein
Anwalt. Man klammerte sich an die Tatsache, daß hei betreffende Rektor fremdes
Eigentum beschädigt babe. Einer der Ratsherren entschuldigte den Missetäter, den er
offenbar mit einem Minderjährigen unter 18 Jahren verwechselte, damit, daß ihm die
Einsicht in die Strafbarkeit seiner Handlung gefehlt habe, ein anderer erklärte, der
Mann habe für ihn nur pathologisches Interesse. Man darf wohl annehmen, daß die
Sache in einem Jnjurienprozeß weiter behandelt wird.
Großen Eindruck macht demgegenüber das Verhalten der Katholiken. Da war
eine Geschlossenheit und Kraft des Vorgehens, die bei der Geringfügigkeit des Anlasses
überraschen mußte. Und den liberalen und liberalisierenden Stadträten wurde von
dieser Seite eine recht scharfe und angemessene Belehrung über Gewissensfreiheit zuteil.
Man will von gewisser Seite die Entscheidung über den konfessionellen Charakter
der Schule der städtischen Verwaltung in die Hand legen. Die eben mitgeteilten Tat
sachen lassen erkennen, warum dies geschieht, zugleich "aber auch, wie ungeeignet eine
solche städtische Vertretung für die zarteren Angelegenheiten des Gewissens ist. Es ist
sehr bedauerlich, daß diejenigen, die die Ideale Schillers verteidigen wollten, dies in
so ungeschickter und lärmender, dem feinen Geist des Dichters so fremder Weise getan
haben.
Zur Schillerfeier brachte der „General-Anzeiger für Elberfeld und Barmen" fol
gendes beachtenswerte „Eingesandt": „Als Schiller tot war, setzte Goethe ihm in seinem
„Epilog zu Schillers Glocke" das schönste Denkmal mit den Worten: „Hinter ihm im
wesenlosen Scheine lag, was uns alle bändigt, das Gemeine." Damit hat Goethe
ausgesprochen, was jeder Leser der Schiller'schen Muse auch empfindet. Nichts wäre
darum selbstverständlicher, als daß eine solche erhebende Wirkung auch vou den Schiller
seiern ausginge, die in diesen Tagen unter uns veranstaltet werden. Besonders der
Jugend müßte es unauslöschlich eingeprägt werden, daß die Gemeinheit und der Ge
meine keinen Teil an Schiller haben. — Die Festtage vergehen. Mit dem Dufte rein
ster Begeisterung tritt unsere Jugend an die Schaufenster unserer Läden. Wird da stets
ihr Hunger nach dem Schönen, Wahren und Guten befriedigt? Nein, nicht überall!
Da ist ein ganzes Fenster mit der schrecklichen „Gerichtszeitung" beklebt. Die gräß
lichsten Ereignisse, Mord und Selbstmord, Vergewaltigung an Leib und Ehre treten
in entsetzlichen Bildern vor die Seele der Beschauer. Und ihrer sind stets so viele!
Aber das ist noch nicht das Schlimmste! Gewinnsucht und Gedankenlosigkeit hängen
auch noch „Das kleine Witzblatt", den „Satyr" und eine gewisse Sorte Ansichts
postkarten aus, welche die Seele dessen, der dieses Gift in sich aufnimmt, mit den
lüsternsten Vorstellungen erfüllen. Hier Schiller, und dort literarischer Auswurf; hier

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