Rundschau.
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Idealismus und dort die nackte Sinnlichkeit, die Gemeinheit! Muß das so bleiben?
Können wir erwarten, daß unsere Jungen und Mädchen, die wir zu Hause ängstlich
vor dergleichen hüten, sich zu sittlichen Charakteren entwickeln, wenn wir zulassen, daß
gewisse Mitbürger, seien es nun Buchhändler, Schreibwarenhändler oder Friseure,
unsere Jugend so mißhandeln? Schreiber dieses weiß aus Erfahrung, daß das Gesetz,
welches für die öffentliche Gesundheitspflege, z. B- den Verkauf von Giften, so scharfe
Bestimmungen hat, hier versagt. Da muß die öffentliche Meinung einsetzen. Möge
sich darum der Schillerfestausschuß in Permanenz erklären und alle Wohlgesinnten
unserer Stadt zu einem heiligen Kreuzzuge gegen die obengenannten und die noch
schlimmeren nicht genannten Erzeugnisse der Gemeinheit aufrufen. Dann fände Schiller
eine dauernde Stätte unter uns, und die gereinigten Schaufenster würden freundlicher
leuchten als alle Höhenfeuer. Ein Verehrer Schillers.
Personalia. Geheimrat I)r. K. Schneider ist am 2. Mai im Alter von
78 Jahren gestorben. Als Mitarbeiter Falks hat er einen hervorragenden Anteil an
der Gestaltung der heutigen Schule gehabt. — Der durch seine Schulorganisation be
kannte Schulrat Dr. Sicking er in Mannheim ist durch Verleihung des Ritter
kreuzes erster Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen ausgezeichnet worden. —
Oberschulrat A. Israel in Dresden-Blasewitz wurde, nachdem er seine dreibändige
„Pestalozzi-Biographie" vollendet, von der Universität Zürich zum Doktor der Philosophie
ernannt. Israel ist seminaristisch gebildet und war bis 1898 Seminardirektor in
Zschopau.
Eine beachtenswerte Umgestaltung des Lehrplans für Volksschulen ist mit Beginn
des neuen Schuljahres in München in Kraft getreten. Der gesamte Schreib- und Lese
unterricht des ersten Schuljahres hat eine Verschiebung erfahren. Erst mit dem De
zember soll damit begonnen werden. Bis dahin soll vor allen Dingen die Sprache
und der Vorstellungskreis des Kindes eine möglichst reiche Ausbildung erfahren durch
ausgedehnten Sprach-, Beobachtungs- und Zeichenunterricht. Man hofft, daß trotz
dieser Verschiebung des Lese- und Schreibunterrichts die Gesamtleistung des Unterrichts
nicht sinken, sondern sich heben wird. — Wir können diese Reform nur mit Freuden
begrüßen. Die Verbannung der mechanischen Fertigkeiten des Lesens und Schreibens
aus dem ersten Schuljahre ist eine alte Forderung der Herbartischen Schule. Rein
hat sie in seiner Übungsschule an der Jenaer Universität schon längst in die Praxis
umgesetzt und die besten Erfolge erzielt. Die Kinder lernen im zweiten Jahre, wenn
ihr Geist durch anderweitigen Unterricht, in dem Erzählstoffe einen breiten Raum ein
nehmen müssen, schon eine gewisse Ausbildung erlangt hat, das Lesen und Schreiben
mit solcher Leichtigkeit, daß der Gebrauch einer Fibel überflüssig wird, während das
Erlernen dieser Fertigkeiten im ersten Schuljahre vielfach zu eiuer Qual für Lehrer
und Schüler wird. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß man recht bald an vielen
Orten dem Beispiele Münchens folgen werde.
Entscheidung über die Schulentlassung durch den Strafsenat des Kammergerichts.
In Bielefeld war ein 16jähriger Knabe noch nicht aus der Schule entlassen worden,
weil seine Fertigkeit im Lesen und Schreiben ungenügend war. Gegen dessen Vater
wurde auf Grund der Verordnung der Schulabteilung der Regierung zu Minden vom
18. Juni 1896 das Strafverfahren eingeleitet. Der Angeklagte hatte für die Dauer
des Heringsfangs seinen Sohn nach Emden verdungen, weshalb er längere Zeit die
Schule nicht besuchte. Das Landgericht zu Bielefeld verurteilte in der Berufungsinstanz
den Angeklagten. Seine Revision hat der Strafsenat des Kammergerichts am 10. April
zurückgewiesen. Er verwarf den Einwand des Angeklagten, daß in keinem Falle jemand
gezwungen werden könne, noch nach Vollendung des 14. Lebensjahres die Schule zu
besuchen, weil § 46 T. 12 Teil 2 des Allg. preuß. Landrechts bestimme: Der Schul
unterricht muß so lange fortgesetzt werden, bis ein Kind nach dem Befunde seines Seel
sorgers — jetzt des Schulinspektors — sich die einem jeden vernünftigen Menschen
seines Standes notwendigen Kenntnisse angeeignet hat. Der Senat erkannte nicht an.
daß § 46 unter einem Kinde nur eine Person unter 14 Jahre verstehe.
Lehrer auf der Universität. Im Jahre 1904 haben an der Universität Leipzig
26 sächsische Lehrer die pädagogische Prüfung mit folgenden Noten bestanden: 15 mit
I, 10 mit H a, 1 mit II. Solche Ergebnisse dürften geeignet sein, manche Bedenken,
die gegen ein Universitätsstudium der Volksschullehrer erhoben werden, zu beseitigen.
Amerikanische Lehrerbildungsanstalten. In den „Päd. Blättern" berichtet Direktor
Dr. Pabst über zwei von ihm besuchte amerikanische Lehrerseminare. Das erste ist.

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