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I. Abteilung. Abhandlungen.
Einige Tatsachen meiner und anderer Beobachtung darf ich kurz anführen. Die
Vorliebe des Volkes für Bildlichkeit, für die anschauliche Kraft des Ausdrucks,
die ausgesprochene, wenn auch noch rohe, Farbenfreude. Das Schauspielertalent,
der starke Nachahmungstrieb. Lassen Sie sich von einem Bauern das Verhalten
seines Pferdes bei irgend einer Gelegenheit beschreiben; er wird das zornige
Zurückwerfen des Kopfes, das ungeduldige Zerren am Zügel, ja selbst das bos
hafte und weit ausholende Schleudern des Hufes in lebendigster Darstellung ab
bilden. In meiner Gemeinde sind eine ganze Anzahl Landleute, die schon
wiederholt das Landesmuseum in Hannover besucht haben; einer machte mich
gelegentlich einmal auf ein Gemälde im Kestner-Museum aufmerksam, das müsse
ich mir unbedingt ansehen; es hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht und
er wußte es mir eingehend zu beschreiben. Und der Kinder Phantasie? Wie
ist sie lebendig, gestaltungskräftig in ihrem Spiel, von dem Schiller ja die Ent
stehung der bildenden Kunst herleitete. Wie fein wissen Kinder in den Mienen
und Gebärden ihrer Eltern zu lesen: Heiterkeit, Scherz, Ironie, Ernst, Traurig
keit — auch in ihren zarten Übergängen — ohne ein Wort! Wie liebt das
Kind die Bilderbücher und -tafeln! Eben schrieb ich diese Worte. Hinter mir
steht an die Wand gelehnt ein großer Kohledruck nach Wencker, „Kommet her
zu mir!" Da kommt mein dreieinhalbjähriges Töchterchen aus seiner Kammer
und bleibt vor dem Bilde stehen. Bald fängt es an zu fragen, und die Fragen
stießen ohne die allerleiseste Anregung meinerseits längere Zeit, bis es durch ein
anderes dahinter hervorsehendes Bild abgelenkt wird. Das Kind hatte nicht nur
gleich gesehen, daß die Menschen krank und traurig waren, es hatte auch bemerkt,
wie die vordere Frauengestalt vor den andern sich heraushob; es fragte, ob diese
Frau das Brot haben sollte, warum Jesus es ihr dann nicht gäbe, warum er
die Hand so hoch halte, ob er all den Leuten etwas geben wolle usw. Das
Kind hatte also unbewußt auch die feine Nuancierung herausgefühlt, die in der
Haltung der Hand sich ausspricht.
Wenn Sie es nun verstehen, die rückhaltlose Fragelust des Kindes und da
mit auch das selbständige Interesse nicht zu ersticken, die lebhafte Phantasie des
Kindes nicht erfrieren zu lassen in der Luft eines nur auf das Wissen abzielenden
Unterrichtsbetriebes, vielmehr es verstehen, die vorhandenen Keime zu pflegen und
zu entfalten, dann dürften Sie ihre helle Freude an den Kindern sehen und am
Ende gar in Versuchung geraten, aus ihnen Künstler und Ästhetiker zu machen,
wovor ich ernstlich gewarnt haben will! Doch dürfte soviel in der Tat nicht
überflüssig sein zu sagen, daß wenigstens für die jüngeren Lehrer trotz aller
guten Theorie die Gefahr besteht, daß sie ihr eigenes Gefühl: „Ich weiß zwar
viel, doch möcht' ich alles wissen", auch auf ihre Schüler übertragen. Nichts
da! Kein kunstgeschichtliches Datum ist vonnöten, keinerlei technische Begriffe!
Wir fordern selbstverständlich keinen kunstgeschichtlichen Unterricht in der Volks-

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