Die bildende Kunst in der Volksschule.
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schule. Was wir fordern, ist lediglich: der bildenden Kunst offene Türen und
offene Herzen!
Wollten wir etwas anderes fordern, so würden wir uns ja eben jener un
glückseligen Überschätzung des Wissens schuldig machen, die in der Erziehung
unseres gesamten Volkes ein so betrübendes Fiasko gemacht hat. Für die Volks
schule wenigstens hat sich hierin ein glückverheißender Umschwung angebahnt.
Nicht nur der Kopf soll gebildet werden, der Mensch will erzogen sein. Es ist
nicht der Kopf, sondern das Gefühlsleben, was den Menschen beherrscht, ihn in
seiner ganzen Art zu denken sowohl wie zu handeln leitet. Selbst ein Sokrates
folgte dem, was er sein „daimonion“ nannte. Und wenn man diese in ihren
Einzelerscheinungen oft so winzigen und daher so oft verachteten oder übersehenen
Jmponderabilia auch nicht wägen und messen, auch nicht bei Revisionen und
Prüfungen paradieren lassen kann, ihre Verachtung rächt sich an dem Geschick, an
dem Glück, an der wahren Geisteskultur eines Volkes. Es ist nicht Sache des
Verstandes nur, sie zu würdigen und in kleinen, unscheinbaren Gefühlsregungen
die Anfänge zukünftiger Taten zu erkennen — große Staatsmänner in ihrem
stolzen Bewußtsein, weiter blicken zu können, setzen sich oft hinweg über die Ge
fühle der Volksseele; kluge Gelehrte sind oft blind für die einfachsten Aufgaben
und Erfordernisse der Erziehung — was dazu not ist, das ist eine wirkliche
Liebe zum Menschen, Liebe zur Kindesseele. Es sind oft nur leise Schwingungen,
durch welche die Gefühlselemente sich in unser Seelenleben hineinschmiegen. Die
alten Kirchenväter eiferten gerade gegen die bildende Kunst der Heiden, weil sie
meinten, ihrem unmerklichen Einstusse könnten die Menschen sich nur schwer ent
ziehen. Verachten wir diese leisen Einwirkungen nicht! Erkennen wir im Kleinen
das Große! Darum: nicht nur offene Türen, um etwa ein paar Bilder an die
Wand zu hängen, sondern auch ein offenes Herz!
IV.
Was nun zum Schlüsse die Praxis der Kunsterziehung betrifft, so glaube
ich, daß meine bisherigen Ausführungen bereits deutliche Fingerzeige zur Be
antwortung der meisten hier auftauchenden Fragen gegeben haben, soweit diese
prinzipieller Natur sind. Ich kann mich daher kurz fassen und mich mit der
Aufstellung programmatischer Sätze begnügen.
Wir fordern die regelmäßige Vermittlung künstlerischer Eindrücke durch die
Schule. Hierzu gehört:
1. die Schaffung einer ästhetisch wirkenden Umgebung,
2. die Anleitung zum künstlerischen Sehen,
3. die Bildung des Lehrers zu künstlerischem Urteil.
Zu 1. Mit den Kunstwerken der engeren Heimat sind die Kinder in erster
Linie bekannt zu machen.

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