Zur „Frauenbewegung".
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und mehr noch genießen sie selber." — Wie edel ist die Gestalt einer Pene
lope in ihrer unbeugsamen Treue und einer Andromache in ihrer hin
gebenden Liebe! „Hektor", so rühmt sie freudigst, „o du bist jetzo mir
Vater und liebende Mutter, auch mein Bruder allein, o du mein blühender
Gatte!" Helena, „die schönste der Frauen", fällt wegen ihrer Untreue der
allgemeinen Verachtung anheim und nennt sich selbst eine „Hündin". — Größer
noch als bei den Griechen war die im Familienleben des Römervolkes herr
schende und wesentlich auf religiösen Weisungen ruhende Sittenstrenge. Wie die
züchtige Hausfrau, „als hehre Priesterin in der Familie waltend, diese zu einem
Heiligtum machte", zeigen z. B. die Lebensbilder einer Lucretia, Cornelia,
der Mutter derScipionen u. a. Daher auch erklärlich, daß eine Vetaria,
„mit ihrem Worte dem trotzigen Coriolan entgegentretend, mehr ausrichtete
als tausend Bewaffnete." Valerius Maximus hat einen ganzen Abschnitt seiner
„Memorabilien" den Zeugnissen ehelicher Treue gewidmet. Wir erfahren daraus
z. B., daß in den ersten 500 Jahren der Entwickelung des Römervolkes keine
Ehescheidung vorgekommen, ja daß selbst noch in späterer Zeit ein Senator
wegen leichtsinniger Ehescheidung aus dem Senat ausgestoßen worden; in einer
gesetzlichen Bestimmung war sogar demjenigen, der eine Frau mit schamlosen
Worten beleidigte, die Todesstrafe zugesprochen. Das Erziehungsgeschäft gab die
Mutter überhaupt nicht aus der Hand, und allgemeine Sitte war es, daß sie
ihr Kind selbst stillte. „In grenrio matris educari“ galt, wie auch Cicero
bezeugt, „als ein großer Vorzug".
Mit besonderer Freude dürfen wir rühmen, daß das Familienleben unserer
Vorfahren, der Altgermanen —, selbst nach den Zeugnissen der Historiker des
ihnen feindlich gesinnten Römervolkes —, ein noch viel reineres, zarteres,
innigeres und für die Entwickelung der Gesamtheit segensvolleres gewesen und
ein solches auch noch länger geblieben als bei allen andern heidnischen Na
tionen —, und zwar wieder wesentlich durch den Einfluß der Frauen. „In
ihnen wohne", so glaubten die Altgermanen nach dem Zeugnis eines Tacitus,
„etwas Heiliges, Ahnungsvolles, Prophetisches, weshalb sie weder ihre Rat
schläge verachteten noch ihre Worte gering schätzten". Die Frau sollte nur eine
Hoffnung, nur eine Liebe haben; darum war es bei einigen Zweigen des
Germanenvolkes ausdrücklich feste Ordnung, daß nur Jungfrauen, keine Witwen
sich vermählen durften. „Niemand", so fügt Tacitus noch ausdrücklich hinzu,
„verlacht bei den Deutschen das Laster; verführen und verführt werden kommt
bei ihnen nicht vor."
Und woher ist es darnach auf dem Gebiete der Sittlichkeit bei allen alten
Kulturvölkern gekommen —, und zwar gerade um die Zeit, da die Entwickelung
der Wiffenschaften und Künste bei den beiden einflußreichsten dieser Völker eine
zum Teil erstaunliche Höhe erreicht hatte? Daß nicht die Wissenschaften und

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