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I. Abteilung. Abhandlungen.
Künste solches verschuldet —, wie bekanntlich von Rousseau in einer preis
gekrönten Abhandlung behauptet worden, sondern vielmehr, wie namentlich ein
Lessing ooutrg. Rousseau darlegte, „der Mißbrauch der Wissenschaften und
Künste", ist klärlichst nachgewiesen. Und woher solcher Mißbrauch, woher die
Sittenverderbnis? Überall war die zunehmende Sittenlosigkeit, so lautet das
Zeugnis der Geschichte, eine Folge des Versinkens in den mehr und mehr herr
schend gewordenen, sittenverderbenden Polytheismus. Überall, zumal bei den
Griechen und Römern, mehrten sich gar bald die Zeichen der Zerrüttung des
ehelichen Lebens. Die Klage des Tacitus, „daß die Frauen selbst die keusche
Zucht in wüste Lasterhaftigkeit verkehren", galt nicht nur von den römischen
Frauen. Welche entsetzliche Sittenlosigkeit herrschte namentlich zur Zeit eines
Perikles in Griechenland! Selbst ein Plato hatte in seiner „Republik"
nichts gegen die Unsitte einzuwenden gefunden, die Ehefrau leihweise einem
andern abzutreten, desgleichen ein Sokrates nichts gegen das Hetärenwesen.
Wie überaus verderblich der Einfluß sittlich gesunkener Frauen gewesen, namentlich
zur Zeit der römischen Kaiser, zeigen die Lebensbilder einer Poppäa, Agrip-
pina, Messalina u. a.
Es konnte nicht fehlen, daß die Frauen, da sie nun mehr und mehr ihrer
Aufgabe, vornehmlich Hüterinnen und Pflegerinnen der Sittlichkeit zu sein, ver
gaßen, besonders peinlich das „Nsns mens tsksl" des hereinbrechenden schweren
Gerichts erfahren mußten. Wir finden sie bei allen Heidenvölkern in tiefster
Entwürdigung, als Sklavinnen der Männer. Bei den Chinesen gilt jetzt im
Gegensatz gegen die frühere Anschauung (s. o.) „der Mann als der Himmel
seines Weibes", sie nur als sein „Schatten und Wiederhall" und als ihre
Pflicht: „Früh aufstehen, sich müde arbeiten, wenig esien, noch weniger Geld
verbrauchen, schweigen, sich verbergen, gehorchen, eher Schläge, Hunger ja den
Tod leiden, als sich beklagen". Ähnlich bei den Indern und andern Orientalen.
Es war ja selbstverständlich, daß der Niedergang auf dem Gebiete der
Moral sich auch auf andern Gebieten als hemmend erweisen mußte. Gar bald
erfolgte die Schwächung der physischen Kräfte, daher denn die Griechen mit
Leichtigkeit von den damals noch sittenreinen Römern und desgl. später die
sittlich gesunkenen Römer von den „weniger gebildeten, aber gesittetem Ger
manen" überwunden werden. Besonders bemerkenswert ist auch der dem ent
sprechende Niedergang auf dem Gebiete der Kunst. „Die Blütezeit der
babylonischen Kunst", so bezeugt;. B. ein Semper, „war ums Jahr
4000 v. Chr., also am Anfange der babylonischen Geschichte;
desgleichen zeigt sich in der ägyptischen Kunst eine allmähliche
Versteinerung und Erstarrung früherer Frische und Bewegung."
„Als nun die Zeit erfüllet, das Heidentum einen wesentlichen Teil seiner
Aufgabe gelöst und die Dunkelheit und Kälte der hereinbrechenden Nacht immer

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