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I. Abteilung. Abhandlungen.
mit geringerer Mannigfaltigkeit und Zerteilung. Die Folge zeigt sich im
ganzen Leben. Das weibliche Geschlecht hängt an seinem Gefühle, der Mann
richtet sich mehr nach Kenntnisien, Grundsätzen und Verhältnissen; dazu kommt
noch die Vielförmigkeit der Berufsgeschäfte, darin die Männer sich teilen."
Ähnlich Lotze (Mikrokosmus). Er betont „neben dem Gefühl des Gebunden
seins, welches die weibliche Natur ihren Beruf in der Nähe finden heißt, zu
gleich ihre größere Anbequemungsfähigkeit, vermöge welcher sich die Frau leichter
in neue Lebenszustände, Rangverhältnisie rc. schickt als der Mann." Was die
geistigen Fähigkeiten betrifft, so urteilt er von den Frauen: „sie sind wifsen-
schaftlichen Bestrebungen weniger zugänglich, ihre Gedanken haben einen mehr
anschauenden künstlerischen Gang. Damit hängt die Sicherheit des religiösen
Glaubens und der Friede des Gefühls zusammen —, ein Übergewicht des
lebendigen Taktes über die wiffenschaftliche Zergliederung." Desgleichen auch
Wiese („Zur Geschichte und Bildung der Frau"): „Aus der Region der Un
mittelbarkeit läßt sich das meiste dem weiblichen Seelenleben Eigentümliche ab
leiten, ihr lebhafteres Zartgefühl, ihre raschere Auffaffung und schnellere
allgemeine Entwickelung. Wo bei dem Knaben, der sich die Dinge auf dem
Wege objektiver Erkenntnis anzueignen strebt, die Fragen der beginnenden
Reflexion eine Antwort verlangen, bestimmt sich bei dem Mädchen Verständnis
und Urteil viel schneller unmittelbar. Der männliche Verstand sondert und baut
stückweise auf, während der Trieb der weiblichen Seele mehr auf ein Anschauen
im Ganzen hindrängt und mehr auf die Einheit als auf die Unterscheidung der
Teile gerichtet ist. Damit hängt zusammen ein leichteres Sichfinden in dem,
was ist, mehr gläubige Hingebung, Achtung vor dem Gegebenen und Positiven,
vor Tradition und Sitte, also mehr Pietät, während beim Knaben früh die
Kritik sich regt, die das Vorhandene meistern will. Dem vorwiegenden Leben
im Gefühl und der Anschauung entspricht mehr Verständnis für das Persönliche
als für das Allgemeine, mehr Abhängigkeit von Sympathie und Antipathie als
von logischen Motiven, endlich ein lebhafterer Sinn für Form und Erscheinung
und damit die Richtung auf Idealität, ein instinktiver Zug zum Schönen,
Wohlgefallen an allem Harmonischen und Anmutigen. Notwendig eng ver
bunden mit diesem Sinn für Form und Erscheinung ist die Sorge: wie er
scheine ich selbst? und das schon in der Zeit, wo dem Knaben alles, was An
stand heißt, sehr gleichgültig zu sein pflegt." Dementsprechend in Kürze auch
Goethe (Tasso): „Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte." —
Mit besonderer Freude dürfen wir Deutsche es rühmen, daß die Sonder
begabung unserer Frauen —, wie es ja unsere Vorfahren deutlich gemerkt (s. o.),
die eigenartigen Vorzüge unsers Volks in besonders lieblicher, fesielnder Weise
wiederspiegelt; es ist die Art, wie sie uns namentlich in unserm großen Refor
mator so anziehend entgegentritt. „Die besten Seiten deutschen Wesens" (so

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