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I. Abteilung Abhandlungen.
damit zugewiesenen besondern Pflicht immer deutlicher bewußt
werden, wie demgemäß die Mädchen z. B. bei Ausbrüchen von Roheit
seitens der Knaben ihren Unwillen durch mißbilligende Gebärden und Zurufe rc.
kund tun, wie sie insbesondere auch beim Unterricht anregend auf die Knaben
einwirken durch ihre meist größere Lebendigkeit, Teilnahme, ihr schnelleres Er
fassen des Neuen und größere Stetigkeit des Fleißes." —
Bekanntlich hat sich auch schon längst in mehreren außerdeutschen Ländern,
besonders in Finland und Nordamerika, die „Koedukation" als trefflich be
währt. Nur ein Zeugnis hiefür von einer Lehrerin aus Finland, Hanna
Anderson in Helsingfors. Sie äußert zunächst ihre Freude darüber, daß
die „gemischte Schule" nirgend so tiefe Wurzel gefaßt hat wie in Finland.
Die erste ist daselbst, so erfahren wir, bereits im Jahre 1883 eingerichtet, und
jetzt sind deren schon nahe an 50 vorhanden.
„Die Zöglinge", so bezeugt Frl. A., „die sich alle Tage sehen, die sich kennen,
weil sie zusammen gearbeitet, sich zusammen unterhalten haben, sind so aneinander
gewöhnt, daß gerade dieses, wenn das Alter der geschlechtlichen Entwickelung kommt,
der beste Schutz ist gegen alle Schöpfungen einer überreizten Einbildungskraft. Wirklich
sind unsittliche Gespräche, gemeine Reden, rücksichtsloses Betragen seltene Dinge bei
der männlichen Jugend unserer gemeinsamen Schule. Andererseits zeigen die jungen
Mädchen, welche seit ihrer Kindheit mit den Knaben zusammengelebt, keine Lust, diese
täglichen Genossen an sich zu fesseln. Sie werden natürlicher, fleißiger, unabhängiger,
weniger sentimental und vor allem weniger eitel und gefallsüchtig als die jungen
Mädchen der getrennten Schulen; unsere Knaben aber höflicher und strebsamer, weniger
lärmend und wild als ihre Kameraden in den Gymnasien. Das „Hofmachen" ist im
allgemeinen wenig bekannt bei der Jugend der gemeinsamen Schulen. Wenn sich
ausnahmsweise Symptome von „Hofmachen" zeigen, so kann man sicher sein, daß es
sich um ein junges Mädchen handelt, das erst in die höhern Klassen der gemeinsamen
Schule eingetreten ist, nachdem sie vorher eine Mädchenschule besucht hatte und sich
nun vom Reiz des Unbekannten umgeben sieht. Wir wissen sehr genau, daß die ge
meinsame Erziehung nur dann gute Früchte zeitigen kann, wenn sie von dem ersten
Schuljahre an beginnt und bis zum Jünglingsalter dauert. Nur dann kann sie zu
einer Sittlichkeit verhelfen, die die gleiche ist für beide Geschlechter, eine Sittlichkeit, die
nur möglich ist, wenn sich beide Geschlechter gründlich kennen —, und das Beste
kommt zuletzt: eine also gebildete Frau ist besser zur Gefährtin des
Mannes geeignet, besser befähigt, ihn zu verstehen und aus den
Kindern weniger selbstsüchtige und rücksichtslose Glieder der Mensch
heit zu machen. Bei der Enthüllung des Bildes einer ausgezeichneten Frau, der
Hauptvertreterin der „gemischten Erziehung" in unserm Lande, der Vorsteherin der
ersten derartigen Anstalten, hatte sich eine begeisterte Menge früherer Zöglinge (im
Alter von 20—30 Jahren und auch junge Männer und Mädchen, die Universitäts
studien bestanden) eingefunden. Das immer wiederkehrende Thema der Unterhaltung
war „der moralische Einfluß der gemeinsamen Erziehung". Ein ehe
maliger Schüler, jetzt Direktor eines industriellen Unternehmens, Vater dreier kräftigen
Knaben, bezeugte: Als man mich ganz klein aus der Einsamkeit meiner Provinz in
die Schule schickte, habe ich da wiedergefunden, was ich verlassen hatte: ein Heim.

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