Zur „Frauenbewegung".
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der Familie zurückführen läßt. Die erste Empfänglichkeit der Seele
empfängt da den Eindruck der Liebe, der Treue und aller Tugend nicht durch
Lehre, sondern auf dem Wege lebendiger Vorbildlichkeit. Was man zur Pflan
zung eines männlichen Sinnes in England den Müttern zuschreibt, insbesondere
den Ernst und die Festigkeit, welche alle Verweichlichung von dem Knaben fern
zu halten weiß, war einst allgemein in der germanischen Hauspädagogik eine
Sorge gerade der Frauen, nach ihrem Beruf, das zu behüten und zu erhalten,
worin des Lebens Kraft und Schönheit ihre erste Grundlage hat." —
Mit innigster Teilnahme und sicherlich nicht ohne bleibenden Gewinn folgen
sodann auch reifere Schülerinnen den sie besonders angehenden Vorführungen
aus der Geschichte der Mission —, so z. B. den reichlich gesegneten Arbeiten
des Frauenvereins für die Mission in China und für die Verbesserung der
Frauentage im Orient. Wie deutlich spürbar ist ihr Mitleid, wenn sie Mit
teilungen wie folgende erhalten:
„Schon die Geburt einer Tochter wird bei den meisten Hindus und Chinesen als
eine Folge von Sünden angesehen, die ein Mensch begangen, der nun auf dem Wege
der Seelenwanderung dazu verdammt ist, als Mädchen geboren zu werden. Ohne
Liebe, ohne Pflege, ohne Unterricht wächst das Mädchen heran, wenn ihm überhaupt
das Leben gelassen wird. Wie viel Tausende von Mädchen sind der unmenschlichen
Sitte geopfert, nach der es als etwas ganz Erlaubtes angesehen wird, eine Tochter
gleich nach der Geburt zu töten. Was für Zustände offenbart uns die Tat jenes
Radschah in Oberindien, der alle seine Töchter gleich nach der Geburt getötet hatte.
Da wurde ihm wieder eine Tochter geboren. Der Mutter Gefühl sträubte sich, auch
dies Kind dem Tode zu ofern, und es gelang ihr unter dem Vorgeben, dasselbe sei
schon gestorben, es einem Brammen anzuvertrauen. Zwölf Jahre blieb die Tochter in
der Verborgenheit, da läßt die Mutter sie nach ihrem Palaste führen. Zu wunder
barer Schönheit war sie herangewachsen. Darauf bauend ließ die Mutter den Rad-
# sch ah rufen, dem sie die blühende Jungfrau mit den Worten zuführte: „Das ist deine
Tochter!" Wohl sah man, wie in seinem Innern die Liebe kämpfte mit der Härte;
da plötzlich flog sein Säbel aus der Scheide und der Kopf des Mädchens rollte auf
die Erde.
Die Zahl der gemordeten Mädchen in Indien rechnet nach Millionen.
Freilich kennen auch andere Völker den Kindermord, aber in solcher Ausdehnung
finden wir ihn nur noch in China. — Jenes Tschippewäer-Weib, das ihr
Töchterlein mit den Worten küßte: „Dein Vater hat dich nicht lieb, aber ich
habe dich lieb!" das es dann an den Beinen ergriff und gegen die Wand
schleuderte, daß das Gehirn umherspritzte, rufend: „Wollte Gott, meine Mutter
hätte es ebenso mit mir gemacht!" — jenes Weib ist doch nur eine Ausnahme
in dem Jndianerstamme, obgleich auch bei ihnen die Frauen nur Sklavinnen
sind, deren Leben sich in harter Arbeit vollzieht, während die Männer auf die
Jagd gehen oder schlafen oder rauchen." —
Jeder Mädchenlehrer sollte es darum auch als eine heilige Pflicht erkennen,
die besonders Begabten unter seinen Schülerinnen zur Wahl des Lehr- oder
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