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I. Abteilung. Abhandlungen.
Spottmeise stellt er unter andern folgende „deutsche" Sätze, „zur Einübung für
die Schüler der Lyceen" zusammen: „Die Toiletten dieser Damen sind äußerst
elegant — Die Pariser Moden werden auf dem ganzen Kontinent respektiert —
Unser Finanzminister ist ein Mann von Genie, weil er das Budget equilibriert
und bei seiner Administration nie ein Defizit produziert — Die Schüler des
eminenten Philosophen Hegel haben seine Lektionen redigiert und publiziert —
Goethes Natur war majestätisch und imposant; alle seine Statuen reproduzieren
diesen physischen Charakter." — Die französischen Primaner werden aufgefordert,
für die fremdländischen Wörter die entsprechenden deutschen zu setzen. Welche
bittere Pille für uns!
Unverantwortlich, daß der Unterricht in der deutschen Grammatik (bezw.
Stilistik) in den meisten unserer Schulen so arg vernachlässigt wird! — Hinficbts
der Literalurkunde ist dringlichst zu empfehlen, die Achtsamkeit der reifern
Schülerinnen besonders hinzulenken auf die Einflüsse, welche für die seelische
Entwickelung der in unsern klassischen Dramen vorgeführten Persönlichkeiten
(bezw. für die Entwickelung der Verfasser) vornehmlich bedeutsam gewesen sind.
Sie folgen erfahrungsgemäß solchen Ausführungen mit sehr regem Interesse,
wohl ahnend, daß sie dadurch Weisungen für den ihrem Geschlechte zugewiesenen
vornehmsten —, d. i. den erziehlichen —, Beruf erhalten (s. die hierauf be
züglichen eingehenderen Abhandlungen im „Evangelischen Schulblatt"
die Augustnummer 1875 und die Septembernummer 1892).
Mit der Sprachbildung in nächstverwandtschaftlicher Beziehung steht die
Gesangeskunst. Sie wird mit Recht nicht nur als die geistigste, sondern
auch als die „deutscheste" der Künste bezeichnet. Denn gerade auf dem Gebiete
der Gesangeskunst hat unser Volk, gemäß seiner Eigenart, insbesondere seiner
reichern Gemütsbegabung, Vorzüglicheres als alle andern Nationen geleistet und
auch die Macht dieser Kunst in stärkerem Maße als jene erfahren. Wie groß
ist namentlich die Zahl unserer köstlichen Volkslieder! Schon unsere Vorfahren
sind, zur Verwunderung ihrer Feinde, fast nie in Schlachten hineingegangen
ohne Liedgesang und eben dadurch kampfesfreudiger, todesmutiger gemacht —,
desgleichen ihre Nachkommen, so z. B. auf den Feldern von Leuthen, Metz,
Sedan rc.; und viele Tausende evangelischer Christen sind dadurch, daß sie
ihren Glauben im Gesänge der Lutherlieder sowohl in den Häusern als auf
Straßen und Märkten freudig bekannten, zu weitern äußern und innern
Kämpfen und Siegen gestärkt worden. — Wie sehr berechtigt und schmerzvoll
ist darum die Klage, daß die Sangesfreudigkeit unsers Volkes in neuerer Zeit
eine wesentlich geringere geworden —; und umsomehr berechtigt der Wunsch,
daß die Pflege des Gesanges in unsern Schulen, zumal in den Mädchenschulen,
eine sorgsamere, zweckmäßigere werden möchte. Erfahrungsgemäß singen ja be
sonders Mädchen mit lebhaft spürbarer Freude nicht nur in Lehrstunden, ins-

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