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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens.
Schule", deren Reifezeugnis zum Besuch der Universität berechtigt. Das wäre,
für Preußen wenigstens, ein großer Fortschritt über den gegenwärtigen Zustand
hinaus; denn jetzt wird nicht einmal das Zeugnis zum Einjährig freiwilligen
Dienst auf Grund der durch das Seminar vermittelten allgemeinen Bildung
gegeben, wie bei den Verhandlungen über diese Berechtigung von höchster Stelle
aus ausdrücklich festgestellt wurde. — Die radikale Richtung bricht völlig mit
dem Seminar. Damit wird dann der Besuch einer höheren Schule mit neun
jährigem Kursus notwendige Voraussetzung für die allein von der Universität
vermittelte Lehrerbildung.
Die Königsberger Beschlüsse haben viel Aufsehen erregt, nicht zum wenigsten
uuter denen, die in dieser Sache ein gewichtiges Wort mitzusprechen haben:
unter den Universitätsprofessoren. Sehr viele von diesen sind der bildungs
eifrigen Lehrerschaft freundlich gesinnt; sie sind in öffentlichen Blättern vielfach
für das Universitätsstudium der Lehrer eingetreten, haben auch aus ihrer Er
fahrung heraus sehr günstige Zeugnisse über die Befähigung der Lehrer zu diesem
Studium und den dabei bewiesenen Ernst und Eifer ausgestellt, sie haben damit
vor der Öffentlichkeit, die das Streben der Lehrer vielfach mit Zweifel und
Argwohn begleitete, für die Ehre und die Hebung unseres Standes Dankens
wertes geleistet. Manche von ihnen haben Vorlesungskurse für Lehrer abgehalten,
einige sind als Redner auf den großen Lehrerversammlungen den für eine bessere
Bildung kämpfenden Lehrern zur Seite getreten. Diese Bundesgenossenschaft ist
uns sehr wertvoll, diese Zeugnisse wiegen schwerer, als die schmeichelhafte An
erkennung von seiten politischer Freunde, deren Aufrichtigkeit dem objektiven Be
obachter mehr und mehr zweifelhaft werden muß.
Von dieser Seite nun werden jene radikalen Bestrebungen entschieden be
kämpft. Das sollte doch bedenklich stimmen; denn nicht nur für die breite
Öffentlichkeit, sondern auch für uns sollten die Hochschullehrer selbst als die be
rufenen Sachverständigen in dieser Frage gellen. Diese Bundesgenossen dürfen
wir nicht verlieren. In einer Broschüre („Zum Universitätsstudium der Volks
schullehrer." — E. F. Thienemann in Gotha) sind 49 gutachtliche Äußerungen
von Hochschullehrern zusammengestellt. Wir geben das Wichtigste daraus nach
einer Zusammenfassung in den „Deutschen Blättern":
„Prof. Pauls en präzisiert seinen Standpunkt mit den Worten: „Die
Annahme, daß die Universität überhaupt die geeignetste Stätte für die Aus
bildung des Volksschullehrers sei, beruht auf einer Verkennung des Wesens der
Universität oder der Aufgabe des Volksschullehrers. Und die Forderung, alle
Lehrer an Volksschulen mit Universitätsbildung auszustatten, bewegt sich jenseits
der Grenzen alles Möglichen."
Hierin sind eine ganze Anzahl anderer Professoren, unter denen wir gerade
viele warme Freunde der Volksschullehrer finden, mit Prof. Paulsen eines Urteils.
„Hüten wir uns," ruft warnend Prof. Eucken (Jena), „nicht das Mögliche zu
gefährden, indem wir Unmögliches oder doch nur unter ganz andern Lebens
bedingungen Mögliches fordern." Prof. Ratzel (Leipzig) hält es „für eine
ganz unpraktische Idee, doppelt unpraktisch im Zeitalter der Arbeitsteilung, die
ganze Lehrerbildung an die Universität zu verlegen." Prof. Wolfs (Kiel) be
kennt, „die Beschlüsse der letzten Lehrerversammlung mit Schrecken gelesen zu
haben." Er bezeichnet „die Forderung einer Ausbildung der Volksschullehrer an
der Universität als eine phantastische und ungesunde Verkennung der eigentlichen

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