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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
glaubten die historisch-genetische Erklärung vom Wesen des Geistes (Altes Testa
ment — Prophetie — Paulus) nutzbringend verwerten zu können. Überhaupt
gaben Vorträge und Debatte reiche Anregung und Belehrung für die Schulpraxis
auf einem schwierigen Gebiete der Unterrichtstätigkeit.
Professor Böhmer wies nach, wie die neuere Lutherforschung, von Haß
oder Liebe getrieben, nach dreifacher Seite hin gewaltige Fortschritte aufzuweisen
habe, nämlich 1. im Werdegang Luthers, 2. im mittelalterlichen Untergrund
seines Lebens und Wirkens, 3. in der Wirkung der Kultur seiner Zeit (Recht,
Sprache, Sitte, Religion usw.) auf Luther, so daß wir den Ertrag seines Lebens
überschauen können. Luthers religiöse Entwicklung dreht sich in ihren Haupt
punkten um die richtige Erfassung der Begriffe Sünde und Gnade, und aus
seinen Präparationen für seine Vorlesungen an der Universität können wir nach
weisen, daß ihm die volle und klare Erkenntnis darüber erst 1521 gekommen ist,
daß aber der Anfang dieser Erkenntnis in den Winter des Jahres 1508—9
fällt. Luthers Opposition gegen die herrschende Kirche hat nicht erst beim Ablaß
eingesetzt, sondern schon früher im Kampf gegen die damalige Theologie. Der
Ablaß brachte diese Opposition zum offenen Ausbruch. Die Geschichte des Ab
lasses entrollte der Vortragende als ein interessantes, aber trauriges Bild der
Geschichte. Wir verweisen dafür auf das demnächst erscheinende Buch des Herrn
Dozenten in der Sammlung „Natur- und Geisteswelt" von Teubner-Leipzig
über Luther und seine Zeit.
Redner wies dann auf Grund eines gediegenen historisch-wissenschaftlichen
Rüstzeuges die Anklagen Denifles gegen Luther entschieden zurück, oft mit Schärfe
und beißender Ironie, oft mit Ruhe und Humor. Er stellte Luther dar als
Kind seiner Zeit, von der er viel empfangen hat, der er aber auch außerordentlich
viel gegeben habe.
Was hat nun Luther seiner Zeit gegeben?
Er ist der Urheber einer neuen Kultur in der Kraft eines religiösen
Genius'; er hat die Gottesvorstellung geläutert; er hat die Religion auf das
Einfachste zurückgeführt, indem er die Schuld, nicht die Strafe, als das Schlimmste
— und die Aufhebung der Schuld, nicht der Strafe, als das Höchste darstellte.
Er hat dem alten Sakramentsbegriff der Kirche ein Ende gemacht und den Poly
theismus seiner Zeit bei der Reliquieuverehrung vernichtet; er entwertete die
katholische Frömmigkeit seiner Zeit (Fasten, Beten, Rosenkranz rc.) und nahm der
römischen Hierarchie Macht und Ansehen. Er ist der Urheber sozialer Reformen
(Abschaffung des Mönchtums) und zugleich sittlicher Reformator gewesen, und
endlich der Bildner (wenn auch nicht der Schöpfer) der deutschen Gemein- und
Schriftsprache. — Bei vielen Dingen fand er schon in seiner Zeit die ersten
Ansätze vor; aber Luther ist darum doch originell, weil er Millionen das Wort
von der Zunge nahm, weil er die Zeitgedanken klar erfaßte und mit heroischem
Willen in die Tat übersetzte.
Die Diskussion drehte sich hauptsächlich um Luthers Werdegang, besonders
um den Einstuß, den andere Männer, wie Staupitz, Karlstadt, die böhmischen
Brüder rc., auf ihn gehabt haben, sowie um die historische Glaubwürdigkeit ver
schiedener Luthererzählungen wie des Wortes: „Hier stehe ich rc." So trug
auch die Diskussion dazu bei, das Bild. Luthers klar und geschichtlich treu den
Hörern zu übermitteln.

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