III. Abteilung. Literarischer Wegweiser.
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dann gilt für alle der Spruch des Majoritätsgewissens. Dieser Gedanke müßte gleich
auch für die Simultanschulfrage fruchtbar gemacht werden, dann wäre weiteres Disku
tieren überflüssig. — Ist das ein Fortschritt vom Herdentum zum Individualismus
oder umgekehrt? „Verstand ist nur bei wenigen zu finden," sagte — ja wer doch?
Doch nicht Schiller? — Aber er meint ja nur den Verstand und nicht etwa die
„praktische Vernunft," von der hier die Rede ist.
Wie kann solchem Skandal in Zukunft vorgebeugt werden? „Man muß bei den
Rektorwahlen die Bewerber auf ihre Stellung zur Kunst prüfen." Das sagen die
entrüsteten Elberfelder Stadtverordneten, das sagen auch die Lehrer. Wenn man
konsequent sein will, so darf man beim Rektor nicht stehen bleiben, oder darf der
Lehrer ein Zelot sein der Kunst gegenüber? — Oder ist am Ende Theater und Kunst
doch manchmal zweierlei. Daß dort jedenfalls vieles getrieben wird, was mit Kunst
auch nicht das Geringste zu tun hat, liest man auch bei unbezweifelten Kenneru, z. B.
im Kunstwart, ohne daß man diese Leute gerade als Banausen und Zeloten bloßstellt.
Zudem erinnern wir uns der großen Entrüstung, mit der man es in Lehrerkreisen
aufgenommen hat, wenn ein unvorsichtiger Schulvorsteher einem Schulamtsbewerber
wegen seiner religiösen Stellung auf den Zahn suhlte. Aber das ist wohl etwas
anderes.
Was die Schillerbücher angeht, so war die Sorge der katholischen Rektoren, die
Kinder möchten durch die Lektüre der ungekürzten Ausgabe Schaden leiden, überflüssig.
In einer Klasse, in der I4jährige Mädchen die Bücher bekommen hatten, fragte der
Lehrer einige Tage nach der Verteilung die Kinder, was sie denn schon gelesen hätten.
Eins von sünfen hatte überhaupt das Buch näher angesehen. Es hatte aber nur ein
Gedicht gelesen: Laura am Klavier. Das war gewiß nicht schädlich, aber — auch von
zweifelhaftem Nutzen.
„Etwas Unglaubliches, aber doch Wahres wird aus Stuttgart gemeldet."
Dort haben nämlich auch einige Lehrer die Kinder nicht ins Theater führen wollen.
Und nun kommt das Unglaublichste! Die Geschichte ist nach den neuesten Be
richten doch nicht wahr. Ist das nicht komisch?
Mit welcher Befriedigung kann dagegen in Ravensburg alt und jung auf den
Schillertag zurückblicken! Dort hat man zur Ehrung des Dichters Würste verteilt, und
in Darmftadt! Dort gab's für die kleineren Schüler Schillerbretzel.
Nun die Moral: Man rege sich nicht eher auf. als es nötig ist. Und wenn es
durchaus nicht ohne furchtbare Erregung geht, so suche man sich wenigstens einen geeigneten
Gegenstand. Viel blamabler als das erwähnte Vorkommnis erscheint es uns, daß sich
in Lehrer- und anderen Zeitungen Aufsätze fanden, in denen Stellen aus Schillers
Werken in humoristisch sein sollender Weise zusammengestellt waren. Es muß doch
einen sonderbaren Eindruck machen, daß ein Lehrer — hoffen wir, es war ein recht
junger — nichts Besseres zu tun weiß, als die Schillerschen Werke nach Stellen zu
durchsuchen, denen man noch einen andern, und zwar recht törichten Sinn unterlegen
kann. Man kann nur hoffen, daß solche Kindereien nicht noch gebildeten Leuten an
derer Stände in die Hände fallen, sonst müßten wir uns alle mit schämen.
-so- III. Abteilung. Literarischer Wegweiser.
Pathologisches.
1. Schramm, Paul, in Erfurt: Suggestion und Hypnose nach ihrer Erscheinung,
Ursache und Verwertung. Eine kritische Betrachtung. Langensalza, H. Beyer u.
Söhne. 62 S. 80 Pf.
Dieses Schriftchen bietet eine kritische Betrachtung der besonders auf Unterricht
und Erziehung bezugnehmenden einschlägigen Literatur. Seit einigen Jahren wird
von verschiedenen Seiten eine Verwertung der Suggestion und der Hypnose für Er
ziehung und Unterricht empfohlen. Der Verfasser ist kein Suggestionsschwärmer. Er
beschreibt die wichtigsten Erscheinungen der Suggestion und Hypnose, erläutert die un
vermeidlichen termini technici, untersucht die physiologische und psychologische Grundlage
der Suggestion und Hypnose, verbreitet sich dann über deren erzieherische und unter-
richtliche Verwertung und kommt zu dem Schlüsse, daß beide in Schulen Vollsinniger

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