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I. Abteilung. Abhandlungen.
und alles Amiserfolges, war bei Dörpfeld eines der wichtigsten Anliegen in
seiner gesamten Tätigkeit für die Mitarbeiter und jüngeren Kollegen. Nicht nur
der Religionsunterricht als solcher, nämlich nach seiner technisch-methodischen
Seite, ist in diesen Blättern, wie es sich für ein Dörpfeldsches Unternehmen von
selbst verstand, von jeher mit besonderem Ernste behandelt worden. Es lag in
Dörpfelds tief bohrender Art, daß er auch stets auf die letzten wisienschaftlichen
Prinzipien seines Tuns und seiner Aufgaben zurückging und seine Freunde eben
falls für solche wistenschaftliche Grundlegung ihres Amtswirkens zu interessieren
suchte. Darin liegt denn auch die Unmöglichkeit, theologische Fragen völlig zu
zu vermeiden, sie müsien berührt werden, wenn man die theologischen Frage
stellungen von den rein religiösen unterscheiden will. Eine Ausflucht redaktioneller
Bequemlichkeit erscheint es mir, wenn obiger an sich richtige Grundsatz es recht
fertigen sollte, allen fatalen Auseinandersetzungen auf diesem heißen Boden aus
dem Wege zu gehen. Mein theologisches Gewisien würde sich bei dieser bekenntnis
scheuen Auskunft nicht beruhigen können. Die Gemeinschaft der Schulblattleser
steht in meinen Augen höher als ein Turn- oder Vergnügungsverein, wo „über
Religion und Politik nicht gesprochen werden darf."
2. Hier beginnen nun die praktischen Schwierigkeiten, die um so größer
werden, je tiefer man in das Chaos der gegenwärtigen religiösen Frage
hinabschaut, je unmittelbarer man sich von der ganzen Pein der kirchlichen
Kämpfe berühren läßt, je mehr man in die vielverflochtene Kompliziertheit der
theologischen Lage Einsicht gewinnt. Scharfe Kämpfe hat es ja auf kirchlichem
Gebiete zu allen Zeiten gegeben, mußte es geben, wenn es sich um die Religion
dessen handelte, der gesagt, daß er nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern
das Schwert. Hart kamen schon die beiden größten Apostel Paulus und Petrus
aneinander, aufs heftigste befehdeten sich Luther und Zwingli, Spenern, Schleier
macher, Wichern ist es nicht anders gegangen. Es ist ja Dörpfeld schwer ver
übelt worden, daß er auch auf die schlimmen Ketzergerichte innerhalb der evan
gelischen Kirche, auf den dem Servet und Johannes a Lasco gegenüber gehand-
habten Fanatismus so nachdrücklich hingewiesen hat, (XI. Band Ges. Schriften
S. 133—137); aber er hat ja selbst unter diesem Richtgeist der Rechtgläubig
keit oft genug zu leiden gehabt.
Lange aber sind die Gegensätze nicht so zugespitzt gewesen, wie heute. Sieht
man von den häßlichen Menschlichkeiten, die solchen Kämpfen unvermeidlich an
haften, ab, so kann man den Streit an sich nicht gerade beklagen. Gegenüber
der pharisäischen Schadenfreude des tertius gaudens in Rom können wir Evan
gelische sagen: Das alles ist doch wenigstens ein Beweis von Interesse und
Leben, bei euch werden alle selbständigen Äußerungen religiösen Lebens alsbald
erwürgt; wohl habt ihr den Frieden, die imponierende kirchliche Einheit, aber
um welchen Preis?

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