Gehört die Theologie in ein Schulblatt?
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Aber damit ist die Sache doch nicht erledigt. Es wird durch solche Kämpfe
auch viel Leben gefährdet, viel Verwirrung angerichtet, viel Zweifel erweckt.
Jeder, der öffentlich zu reden und zu schreiben hat, muß sich seiner Verantwor
tung hierin bewußt sein, ob seine Äußerungen nicht geeignet sind, harmlosen,
frommen Seelen Ärgernis zu geben. Und jetzt erhebt sich von neuem die Frage:
Wie verantwortet ein Schulblatt seine Stellungnahmen in den Kämpfen, an
denen als religiös lebendige und denkende Persönlichkeit der Lehrer doch in erster
Linie teilzunehmen berufen ist, wenn auch nicht gerade als Rufer im Streit?
3. Die Frage wäre ja nicht so schwierig, wenn der Leserkreis in dieser
Beziehung ein einheitlicher wäre. Wenn er durchweg auf dem Boden
der kirchlich-konfessionellen Tradition oder auf dem der Pietistischen Gemeinschafts
bewegung oder auf dem des modernen theologischen Fortschritts stände, oder endlich
wenn er sich der Hauptsache nach aus den Forschenden und Suchenden zu
sammensetzte, so wäre die Stellungnahme gegeben. Dann dürfte eben nichts hin
ein in die Zeitschrift, was dieser bestimmten Gruppe berechtigten Anstoß geben
könnte. Aber die einschneidenden Unterschiede, die unser kirchliches Leben zu zer.
reißen drohen, gehen auch durch den Leserkreis des Evangelischen Schulblatts.
Sollte man da alle Fragen nach den Maßstäben einer dieser Richtungen be
handeln? Das könnte nur der, der den Mut hat, die andern zu verurteilen,
der das, was Dörpfeld über die prinzipielle Unbußfertigkeit der Kirche (XI.
Band S. 25), über die Jnfallibilität auf dem Lehrgebiete und die Losung:
„Autorität um jeden Preis, selbst auf Kosten der Wahrheit", so ernst einschärft,
sich nicht gemerkt hat. Oder sollte man es allen recht zu machen suchen?
Das^ käme auf eine charakterlose Schaukelpolitik hinaus, wie man sie der
Redaktion des Dörpfeldschen Schulblatts am wenigsten zumuten wird. Also
doch schweigen! Das wäre ja das einfachste, aber doch kaum ein besserer
Ausweg als der eben genannte.
Ich meinerseits hielt und halte dafür, daß eine grundsätzlich klare und feste
Stellungnahme zu diesen Fragen und Kämpfen nötig ist, aber nicht eine Stellung
nahme, die im Vollbesitz ausgemachter Wahrheiten zu sein glaubt, die keine Pro
bleme mehr kennt. Ich habe nie gegeizt nach dem Ruhm und der Autorität
jener Redakteure, die ihren Lesern auf alle schwierigen Lebensfragen der Gegen
wart ihre fertigen Antworten, ihre maßgebliche Entscheidung aufdrängen möchten.
Eine Stellungnahme, meine ich, wäre nötig, die unbefangen anerkennt, daß die
Mannigfaltigkeit in unserer evangelischen Kirche eine im Wesen der Sache
beruhende und gottgeordnete ist, daß es in unserer Kirche verschiedene Ausdrücke,
Formen und Färbungen der religiösen Überzeugung gibt, daß Lutheraner und
Reformierte, Orthodoxe und Pietisten, Hochkirchliche und Gemeinschaftsleute,
Menken-Collenbuschianer und stramme Ravensberger nebeneinander bestehen und
sich gegenseitig, wenn auch nicht befreunden, so doch gelten lasten müsten. Das
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