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I. Abteilung. Abhandlungen.
sind auf verschiedenem Boden verschieden gewachsene, aber wurzelechte Gestaltungen
des einen christlichen Lebenstriebes. Sie haben sich ja aufs heftigste befehdet,
sollen auch miteinander ringen und wetteifern, aber das überragende Gemeinsame
doch nicht verleugnen. Dies Gemeinsame herauszuarbeiten und positiv zu pflegen
ist auf alle Fälle das Wichtigere. Daß die eine Redaktion mehr die polemische,
die andere mehr die irenische Seite in Dörpfelds Sinne herauskehrt, mag man
den Individualitäten zu gute halten, ohne deshalb bei letzteren auf Mangel an
Bekennermut und Kampfesfreudigkeit zu schließen. Daß ein Lehrerblatt sich ins
besondere der Suchenden anzunehmen wünscht, von deren Standpunkt aus die
Probleme ins Auge faßt, bedarf auch wohl kaum der Rechtfertigung. Wenigstens
hat Dörpfeld aus seiner Vorliebe für die aufrichtig Suchenden und redlichen
Zweifler nie ein Hehl gemacht, glaubte sich vielmehr ganz besonders dazu be
rufen, diesen mit seinen Gaben zu dienen. Der Herausgeber des letzten Jahr
zehnts hat diese Vorliebe von seinem Schwiegervater wenn auch nicht geerbt, so
doch auf Grund eigener persönlicher Lebensführung und Studien sie gerne in
sein Redaktionsprogramm mit aufgenommen. Auch heute glaube ich noch, daß
es kein besseres Mittel gibt, die höchsten Fragen sich selbst und anderen immer
wichtiger zu machen,v als wenn man sich auf den Weg zum steilen Gipfel der
Wahrheit stellt und ihn nicht schon erklommen zu haben glaubt. Nicht bloß be
lehren wollte ich, sondern auch nie verleugnen, daß ich mich noch zu den Lernen
den in der Gotteserkenntnis und Heilserfahrung rechne.
4. Aber, wird mir nun entgegnet, es gibt doch Grenzen des Zusammen
gehens 'und Einanderanerkennens. Das Gemeinsame hört doch an bestimmten
Punkten auf. Wir haben doch, wenn wir überhaupt noch gläubige Christen sein
wollen, nicht alles in den großen Brei des nävxa get (alles fließt) stellen,
auch die unentbehrlichsten Grundlagen des Heils als problematisch behandeln wollen,
alle Ursache, dem Umsturz des Glaubens auch an unserm Teil zu wehren, gegen
die vom Unglauben eingeleitete Zersetzung der Kirche nachhaltig uns zu stemmen.
Gewiß, es gibt Reformer und moderne Religionsgründer, mit denen, unbeschadet
der Anerkennung ihrer subjektiven Ehrlichkeit und oft auch ihres frommen Forscher-
triebes, eine religiöse Gemeinschaft nicht möglich ist.
Jedoch müssen wir in diesem Punkte uns wohl vorsehen, allzurasch abzu
sprechen, allzuleichtherzig oder zornmütig noch vorhandene Bande zu zerreißen.
Wo sind die Grenzen des Gemeinsamen? Die sind bei den ver
schiedenen Kirchengemeinschaften gar sehr verschieden. Für gewisse religiöse Gruppen
hört das Gemeinsame schon bei der Sabbatfrage auf, für andere bei der Tauf
und Abendmahlsfrage, für noch andere bei der Prädestination rc. Es gibt kaum eine
noch so rechtgläubige Kirche, die nicht von einer noch rechtgläubigeren als irrgläubig
verworfen würde; die Altlutheraner in Preußen, die mit uns Sündern aus der
Union keinerlei Abendmahlsgemeinschaft eingehen wollen, werden von ihren nächsten

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