Gehört die Theologie in ein Schulblatt?
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Glaubensverwandten in der Missouri-Synode als unwürdig zu gemeinsamer
Abendmahlsfeier angesehen. Wir alle kennen gewisse große und sehr ernst zu
nehmende Kreise, die die Christenheit nach bestimmten äußeren Kriterien in „Be
kehrte" und „Unbekehrte" einteilen und jede, nicht bloß die Abendmahlsgemein
schaft mit den Unbekehrten für bedenklich ansehen. Wenn alle Leser des Schul
blattes von der lesenswerten kleinen Schrift Wilhelm Brandts „Aus dem Leben
eines Unbekehrten" (Gütersloh, C. Bertelsmann 1905, Preis 50 Pf.) Kennt
nis genommen hätten und man sie dann nach ihrer Stellungnahme hierzu gruppieren
wollte, so würde sich zeigen, daß auch zwischen denen, die mit Recht auf den
Namen „gläubig" Anspruch zu haben meinen, noch tiefe Risse hindurchgehen.
Es gibt tief fromme und bibelgläubige Christen, die gar nicht „Bekehrte" im
Sinne jener Kreise sein können und sein wollen. Mit denselben kurzen Maß
stäben wie die „Bekehrten" hantieren aber auch sehr viele „Gläubige", die so
leichtfertig sind, andere, die nicht ihre Art in Formulierung des Glaubens teilen,
ungläubig zu schelten. Wie die einen mit dem Schema: „bekehrte und unbekehrte
Pastoren" spielen, so die anderen mit dem Richturteil „gläubige" und „ungläubige"
Theologen und Lehrer. Immer dieselbe irrige Ausschließlichkeit, immer dieselbe
sich selbst täuschende Unfehlbarkeit, womit man den eigenen Standpunkt als den
allein maßgebenden und gottwohlgefälligen hinstellt und meint, die anderen als
weniger christlich, als unchristlich verurteilen zu dürfen. Haben es doch christlich
sein wollende Rezensenten z. B. fertig gebracht, auch Dörpfeld als Rationalisten,
Pelagianer und Ungläubigen zu verdächtigen, zu verdammen!
Dem gegenüber wolle man doch den Abschnitt nachlesen in Dörpfelds groß
artigem Bericht über die 17jährige Geschichte des Vereins evangelischer Lehrer
und Schulfreunde (VI. Band Ges. Schr. S. 194—206), wo er einerseits die
Bibelkonferenzen in Schutz nimmt und sich mit einem liberalen Kritiker ausein
andersetzt, andrerseits ihm ebenso einleuchtend wie herzandringend vorführt, daß „die
Differenzen zwischen seiner und ihrer (der Bibelfreunde) Anschauung gar nicht
da liegen, wo er sie gemeinhin sucht; sie liegen vorab nicht in den Konflikten zwischen
Kritik und Dogmatik oder zwischen Naturwissenschaft und Theologie oder zwischen
Philosophie und Theosophie." „Könnte unser ehrlicher Fortschrittsmann sich mit
den Bibelfreunden über die richtige Fragestellung in betreff ihrer Differenzen
einigen, so würde mehr als die Hälfte der Verständigung geschehen sein, wie ja
auch in der exakten Wissenschaft, wo es sich um eine neue Entdeckung handelt,
die richtige Fragestellung die Hauptsache ist." (a. a. O. S. 195). Die richtige
Fragestellung bezüglich des Glaubens und Unglaubens liegt eigentlich garnicht
im Dogmatischen, sondern im Ethischen. In feinstem Gedankengange leitet Dörp
feld den ehrlichen Zweifler auf diesen rechten Standpunkt zum richtigen Be
sehen und Auffassen der Heilswahrheit. „Die Bibel gibt darüber zahlreiche Winke
und Ratschläge, die in ihrer Mannigfaltigkeit auf die verschiedene Lage und In

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