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I. Abteilung. Abhandlungen.
dividualität der Suchenden berechnet sind." Einen dieser Winke haben wir in
Psalm 51, 8: „Siehe, du hast Lust zur Wahrheit, die im Verborgenen lieget,
du läffest mich wiffen die heimliche Weisheit", d. h. „Du Gott, hast Gefallen
daran, daß einer die Wahrheit in seinem Innersten sucht, die dort am tiefsten
verborgen ist, ja die man gern noch tiefer versteckt — daß man wahrhaftig,
aufrichtig, offen gegen Dich und sich selber sei, daß man sich selbst erkenne, und
vor dir sich darstelle ohne Feigenblätter und Schminke, ganz so, wie man
ist. In dem Maße nun, als der Mensch zu diesem Standort, der jedem Heuchler
verboten ist, zu der rechten Selbsterkenntnis und der ungeheuchelten Selbstdar
stellung vor Gott gelangen mag: in dem Maße kann und wird ihn Gott seine
Weisheit im verborgenen, das Geheimnis seines Heils erkennen und er
fahren lassen." (S. 198).
Wenn Dörpfeld in diesem Sinne glaubte der Aufrichtigkeit des Kritikers,
seiner ethischen Lauterkeit gewiß sein zu dürfen, dann konnte er ihm auf dog
matischem Gebiete recht weit entgegenkommen, konnte er auch starke Ketzereien,
ohne nervös zu werden, vertragen. Wie würdig er solch einen Liberalen behandelt
und widerlegt, zeigt sich am ausgiebigsten in der großen Auseinandersetzung mit
dem Reformprediger Dr. R. Nagel, der die Evangelien für „Phantasien" er
klärte, mit dem also Dörpfeld des Gemeinsamen so wenig wie möglich hatte.
(VI. Band S. 91—122). Warum er sich aber überhaupt so ernsthaft mit
einem solchen „Romandichter" zu verständigen sucht, deutet er mit der Schluß
bemerkung an: „der bei aller Verdrehtheit des Kopfes doch in seinem Herzen
den Jesus aus Bethlehem noch nicht ganz los werden zu können scheint. So
scheint es, und so glauben wir. Möchte er diese Bande festhalten und ihren
sanften Zügen folgen: sie ziehen zum Himmel." (S. 123).
Genug, Dörpfelds Grenzlinie zur Verständigung und Gemeinschaft kreuzt
die sonst üblichen Gruppierungen und Religionsgemeinschaften in vorurteilfreister
Weise. Er fragt den Gegner nicht in erster Linie nach dem Umfang des Glaubens,
sintemal der Glaube keine quantitative Größe ist, er fragt nicht nach der Anzahl
von Lehrsätzen, die einer aus dem Katechismus bekennt oder die er fallen ge
laffen, um ihn darnach an der Glaubensskala als gläubig, halbgläubig oder un
gläubig zu bemeffen und einzuschätzen, sondern er sucht und findet die Gemein
samkeit in der Aufrichtigkeit des Suchens, der sittlichen Selbstbeurteilung, des
Nach-Gott-Fragens, in der Wahrhaftigkeit des Sinnens und Strebens.
5. Ich glaube manche von mir hochgeschätzte Leser zu kennen, die mir soweit
gern folgen, insbesondere bezüglich der Glaubensmaßstäbe sich mit dem Aus
geführten im Grunde einverstanden erklären würden, wenn sie dieselbe Sache auch
etwas anders ausdrücken möchten; die aber entgegnen würden: „Bei aller Weit
herzigkeit Dörpfelds war doch seine Stellung zur Heiligen Schrift eine durchaus
positive, ungebrochene; und eben auf die Stellung zur Bibel kommt bei

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