Gehört die Theologie in ein Schulblatt?
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den heutigen Kämpfen im Grunde alles wieder an. Ist sie für uns noch Gottes
Wort oder nicht? Das ist ja gerade der bedenkliche Punkt, worin sich das Schul
blatt in den letzten Jahren nicht mehr als voll zuverlässig gezeigt, worin es uns
verdächtig geworden ist." In der Tat, da sitzt der entscheidende Punkt, und
gerade hierin möchte ich bei meiner Redaktionsniederlegung noch gern Rede und
Antwort stehen.
Denn eben hier, an der Frage nach Bibel und Kritik muß es sich meines
Erachtens bewähren, wie es mit der gegenseitigen Verständigung auf dem voraus
gesetzten sittlichen Gemeinsamkeitsboden der Wahrhaftigkeit steht. Die Frage nach
dem Recht und Unrecht der Kritik ist für die evangelische Kirche zu dem kritischen
Punkt für ihre Zukunft und ihren Bestand geworden, nicht so sehr wegen der
Gefahren, die der Kirche seitens einer negativen Kritik drohen —, wenn diese
auch keineswegs gering einzuschätzen sind —, sondern wohl noch mehr wegen der
Versäumnisse aus Furcht vor der Wahrheit, die die kirchlichen Führer sich bis in
die Gegenwart hatten zu schulden kommen lasten.
Es handelt sich nämlich bei der so unendlich viel erörterten Bibelsrage
letztlich immer um das Jnspirationsproblem. Die orthodoxe Kirchenlehre
des 16. und 17. Jahrhunderts hat bekanntlich das Dogma von der Wortin
spiration der Heiligen Schrift entwickelt und festgestellt, jene Lehre, wonach jedes
Wort der Bibel eben deswegen als göttlich, also unfehlbar angesehen und ver
ehrt werden soll, weil es in unserm Kanon steht. Dieser mechanische Jnspirations-
begriff ist schon angesichts der zahllosen Lesarten (Varianten) der biblischen Bücher,
angesichts der Unmöglichkeit, den ursprünglichen, echten Text einwandfrei festzu
stellen, unhaltbar; er ist von allen ernst zu nehmenden Theologen der Gegen
wart aufgegeben. Das ist eine Tatsache, an der nicht gerüttelt werden kann,
über die die „gläubige" mit der „ungläubigen" Theologie vollkommen eins ist.
Denn gegen Tatsachen, auch wenn sie noch so unbequem und gefährlich erscheinen,
läßt sich nicht streiten.
Obwohl diese folgenschwere Tatsache nun von keinem Kundigen mehr be
stritten wird, wagte man doch lange nicht offen in Laienkreisen davon zu sprechen,
sondern ließ die Gemeinde ruhig in dem Glauben, es bleibe alles beim alten,
ließ die Bibelgläubigen bei ihrer überlieferten Anwendung von dem „Es steht
geschrieben", und „die Schrift kann nicht gebrochen werden" rc., kurz bei
dem ganzen willkürlichen Operieren mit einzelnen Bibelsätzen als Gotteswort.
Ja, dieser falsche Gebrauch wird durch Predigt und Unterricht gar vieler Pastoren
und religiöser Redner geflistentlich gepflegt, indem z. B. einzelne belanglose Worte
wie die Übergangsformel „Weiter" lieben Brüder (1. Theff. 4,1) zum Predigttext
genommen,*) indem hinter jedem Worte, als einem göttlichen, auch irgend ein
9 Stände statt „weiter" etwa „ferner", so ließe sich gerade die entgegengesetzte
Expektoration an diesen Nagel anhängen.

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