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I. Abteilung. Abhandlungen.
tiefer Sinn gesucht, oder vielmehr aus dem Sinne des Auslegers in den Schrift
buchstaben hineingelegt wird. Das ist nicht nur eine bedenkliche allegorisierende
Spielerei mit Worten, das ist geradezu eine unverzeihliche Irreführung der harm
losen Zuhörer, eine Unwahrhaftigkeit, die dem Worte Gottes gegenüber doppelt
schwer wiegt. Man besinnt sich dabei garnicht darauf, daß man mit solchem
allegorischen Spiel gerade das tut, was man den negativen Kritiken vorwirft,
daß man Menschenwitz über Gottes Wort stellt. Ja, es ist schlimmer als jene
Kritik, denn diese will doch ernstlich und ehrlich den Sinn ermitteln und stehen
lassen, den die betreffenden Aussagen der Propheten und Apostel nach der
Meinung ihrer Urheber wirklich haben, wenn sie sich auch nicht diese Meinung
aneignet; das Willkürspiel mit dem Buchstaben der Schrift muß notgedrungen
vielfach Menschenfündlein in das heilige Wort hineinzwängen, um überhaupt
einen bedeutungsvollen Sinn aus jedem Satz wieder heraus zu lesen!
Nun sind es allerdings die besten und anerkanntesten Gottesgelehrten, die
sich unumwunden gegen solchen Mißbrauch der Heiligen Schrift im Sinn jenes
mechanischen Jnspirationsbegriffs erklärt haben und noch erklären. Ich erwähne
nur Profeffor Kähler in Halle und Schlatter in Tübingen, um zwei der
bekanntesten zu nennen. Ebenso Senior Behrmann in Hamburg, desien Ein
führung in die Heilige Schrift im Evangelischen Monatsblatt neulich so rühmlich
erwähnt wurde. Nicht minder verkünden zwei der schärfsten Widersacher der
modernen Theologie, D. Stöcker und unser Pfarrer Kühn, Herausgeber des
kirchlichen Monatsblattes, bei jeder gegebenen Veranlassung, daß man unsere
evangelische Kirche nicht mehr mit dem Dogma von der Verbalinspiration stützen
könne und dürfe. Aber, daß dies offen gesagt wird, erscheint vielen schon als
höchst bedenklich; man möchte doch lieber die Laienwelt in dem alten Irrtum
lasien. Wenn nun gar ein so hervorragender Theologe und Vorkämpfer des
Glaubens wie Dr. Lepsius es unternimmt, nach kritischer Methode den ur
sprünglichen alttestamentlichen Text festzustellen — seine Konjekturen und Neue
rungen sind freilich ziemlich gewagter Natur! — was muß er sich da für un
erhörte Bitterkeiten von seinen eigenen Gesinungsgenossen aus den Gemeinschafts
kreisen sagen lasten! Wie wird er da zum satanischen Abgefallenen gestempelt.
Gerade dieser peinliche Lepsius-Streit hat zuletzt wieder aufs deutlichste gezeigt,
daß man in vielen gläubigen Kreisen von jener nun einmal (unentrinnbaren
theologischen Erkenntnis nichts wissen will, daß man leidenschaftlich erklärt:
Wenn auch die ganze Wiffenschast sich zusammentut und uns die Fehlsamkeit
des Schriftbuchstabens nachweist, wir kümmern uns nicht darum, wir protestieren
dagegen, weil wir eben ein unfehlbares Schriftwort brauchen und haben wollen.
Der Wille schiebt die Erkenntnis bei Seite, unterdrückt den Sinn für die
Wirklichkeit!
Das ist ja nun nicht weiter verwunderlich, im Gegenteil so verständlich wie mög

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