Gehört die Theologie in ein Schulblatt?
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lich und im gewissen Sinne berechtigt. Das Gemüt ist doch schließlich allemal stärker
als die Einsicht — deus tantum cognoscitur quantum diligitur (Gott er
kennt man in dem Maße, als man ihn liebt) — und in unserer Frage ist man
durch sehr kräftige Gründe und nachhaltige Gewohnheiten veranlaßt, darauf be
stehen zu bleiben, daß man die Offenbarung der Gottesliebe und demnach die
Gotteserkenntnis nur in einem fehllosen Schriftwort haben könne. Denn wäre
es anders, müßte man bei jedem Wort und Satz erst untersuchen und feststellen
lassen, ob es echt oder unecht sei, so wäre der Glaube ja damit an die Wissenschaft
und Gelehrsamkeit ausgeliefert, so wären wir in diesem Punkte gar nicht über
die jüdische Religion und den Katholizismus hinausgekommen, die Laienwelt wäre
nach wie vor in der wichtigsten Angelegenheit, dem Gebrauch des Gottesworts,
von der Vormundschaft der Schriftgelehrten und Priesterschaft abhängig, und das
reformatorische Grundprinzip von dem allgemeinen Priestertum der Gläubigen
wäre ein eitler Wahn. Ist dies ein Hauptgrund, wenn auch nicht immer ein
vollbewußter, für das hartnäckige Widerstreben unserer frommen Laien gegen die
Anerkennung des wirklichen Sachverhalts mit dem Bibelbuch — und ich glaube
in dieser Motivierung nicht fehl zu greifen —, so muß man, wie gesagt, eine solche
Begründung als berechtigt ansehen. Denn es ist so, der christliche Glaube darf
sich nicht von der Theologie und der Wissenschaft überhaupt beherrschen lassen;
er ist selbständiger Glaube oder gar kein Glaube. Wäre es anders, so wäre
das Evangelium nicht mehr Evangelium, sondern Gesetz. In der römischen
Kirche ist der Glaube gesetzlich, das Annehmen alles dessen, was die Kirche zu
glauben vorschreibt; in der evangelischen Kirche soll der Gerechte seines eigenen
Glaubens leben.
Genug, das Verlangen des Frommen, in der Bibel einen ungefälschten
Ouell zu haben, aus dem er selbst, unabhängig von der Schriftgelehrsamkeit,
Lebenswasser zu schöpfen vermag, hat guten Grund. Er gerät also durch die
Kenntnisnahme von dem wirklichen Tatbestand bezüglich des Schriftwortes in eine
höchst mißliche Lage. Das Mißliche dieser Lage wird ihm ja freilich auf
allerlei Weise auszureden gesucht. Es wird ihm gesagt: die Sache mit der In
spiration ist nicht so schlimm; wenn auch die Verbalinspiration tatsächlich nicht
mehr haltbar ist, so bleibt doch im Grunde alles beim alten; denn die gläubige
Theologie hat ja längst nachgewiesen, daß die Behauptungen der negativen Kritik
bezüglich der Unzuverlässigkeit des Schriftworts unendlich weit übers Ziel hinaus
schießen. Die möglicherweise zuzugebenden Unsicherheiten, Fehler und Irrtümer
beziehen sich durchweg nur auf Kleinigkeiten; in der Hauptsache ist unsere Bibel
nach wie vor als authentisch und glaubwürdig anzusehen. — Diese Beschwich
tigungen mögen nun ganz ehrlich und gut gemeint, auch, wie wir bald sehen
werden, in gewisser Weise wohl begründet sein —, sie verfehlen dennoch den ge
nannten Bedenken gegenüber völlig ihr Ziel. Denn abgesehen von der Frage, ob

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