Gehört die Theologie in ein Schulblatt?
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Zeugnisses anderer, wenn auch noch so ehrwürdiger Personen willen glauben
wir an Gottes Offenbarung in Christo, sondern wir sagen: er hat sich selbst an
unserm Gewiffen ebenso wie in der Geschichte der Christenheit als der Heilige
und Gnädige bezeugt, wir haben dadurch selbst erkannt und geglaubt, daß Gott
uns in Christo mit sich selbst versöhnt und zu sich zieht. Kurz, das bloß äußer
liche Verhältnis zur Heiligen Schrift, die Unterwerfung unter einen inspirierten
Buchstaben, hat sich verinnerlicht, ist ein lebendiges persönliches Verhältnis zu dem
Gott geworden, der zwar auch in vielen anderen Formen aber doch in besonderer
Weise durch die Heilige Schrift mit uns redet.
6. Sobald wir uns über diese grundlegenden Gedanken der Offen
barung im klaren sind, gewinnen wir zu der ganzen Bibel- und Glaubensfrage
eine viel unbefangenere, selbständigere, freiere Stellung. Nicht als ob damit alle
Schwierigkeiten sofort gehoben wären; die wachsende Einsicht in die wissenschaft
lich festgestellten Tatbestände, die Kritik kann uns in Einzelheiten noch viel zu
schaffen machen. Aber grundsätzlich ist jede Scheu vor der Kritik als
solcher verschwunden; denn nun ist sie ja nicht mehr imstande, uns die Glaubens
grundlage zu zerstören, weil wir unsern Glauben ja nicht auf die menschliche
Form, sondern auf den ewigen göttlichen Inhalt der Offenbarung gründen, auf
den lebendigen Christus selbst, desien die Menschheit weit überragendes Bild von
Menschen nie erfunden, also auch von Menschen nicht herabgewürdigt, nicht ent-
göttlicht, nicht fort kritisiert werden kann.
Sind wir einmal dessen gewiß, daß die Wissenschaft als solche uns unseren
religiösen Glauben gar nicht zu beeinträchtigen vermag, daß die Religion von
der Theologie und Kritik ihrem Wesen nach unabhängig ist, so verliert sich das
äußerst fatale Bewußtsein, daß wir ängstlich an alten Überlieferungen festhalten
müßten, die möglicherweise doch von einer fortschreitenden Wissenschaft eines Tages
als unhaltbar erwiesen werden könnten. Wie viel Unheil hat solche Unsicherheit
über die wahre Grundlage des Glaubens, solche Angst vor der Wissenschaft,
solches krampfhafte Festhalten an unhaltbaren Dingen in der Kirche schon an
gerichtet! Mit welcher Leidenschaft wurde Kopernikus Lehre in beiden großen
Kirchen als glaubenzerstörend bekämpft; welche jammervolle Rolle mußte ein
Galilei spielen. Man verwechselte eben Religion und Naturwissenschaft. Eine
solche Apologetik der Furcht hat dem Glauben unsäglich viel mehr geschadet
als alle ungläubige Wissenschaft. Denn sie hielt die Gläubigen in dem
grundsätzlichen Irrtum fest, als könne die Wissenschaft der Religion etwas an
haben. Dadurch entstand dann der schlimme Schein der Berechtigung für die
gemeine Rede, als ginge der Unglaube mit der fortschreitenden Bildung und der
Christenglaube mit der rückständigen Barbarei. Und viele gute ernste Christen
bekanien ein böses Gewissen, wenn ihr Wahrheitsgefühl und Wirklichkeitssinn sich
der Macht der Tatsachen und der Überführung durch exakte Beweise nicht ent-

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