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I. Abteilung. Abhandlungen.
ziehen konnte und ihnen dabei doch wieder bange gemacht wurde: sie sagten sich
mit der Anerkennung jener wisienschaftlichen Forschung von dem Glauben los!
Nein, wir müffen uns ein gutes Gewisien bewahren können, sowohl im
Blick auf unsern Glauben an das Evangelium wie auf den uns doch auch von
Gott eingepflanzten Wahrheitssinn und sein Erfassen der Geschichte und Natur.
Unsere apologetischen Kurse, wie der letzte in Barmen, zeigen uns ja immer deut
licher, daß in dem Erforschen der Bibel und der Heilsgeschichte nicht alles so
naiv und einfach liegt, wie wir in den Heiligen Schriften lesen, oder in der
Schule lernten. Es wurde von dem bibelgläubigen und sehr konservativen
Professor von Orelli, neben allen willkommenen Stützen für die Zuverlässigkeit
der alttestamentlichen Geschichtserzählung, doch auch u. a. auf die Unmöglichkeit
hingewiesen, in den Stammbäumen Genes. 9—11 alle Namen als Personen
namen, oder auch Abrahams Kebsweib Katurah als Einzelperson zu verstehen, es
wurde unbefangen davon gesprochen, daß nicht alle Gesetze des 2.—5. Buchs
Moses auf Mose zurückzuführen seien, sondern sich eine weitschichtige spätere
Einzelauslegung an einen mosaischen Kern angegliedert habe. Ich hatte das Ge
fühl, als ob manche Zuhörer dies und ähnliches mit einer gewissen Besorgnis
vernahmen, weil die überlieferte Gläubigkeit eben noch zu sehr an dem Buch
staben haftet. Man nimmt es vielleicht dem verehrten Professor, der sonst so
viel Schönes und Glaubenstärkendes beibringt, nicht so übel, aber neigt im
Grunde doch zu der Annahme, der gelehrte Herr müsse eben um seines wissen
schaftlichen Rufes willen auch einige kleine Zugeständnisse an die Kritik machen,
breche aber damit doch der Einfalt des Glaubens und dem bedingungslosen
Glaubensgehorsam ein Stück ab. Und jede Nachgiebigkeit sei doch bedenklich!
Und was werden diese Freunde erst zu den fünf Borträgen positiver Pro
fessoren über die Bibelfrage sagen, die ich im vorigen Heft anmeldete (S. 295 ff.) ?!
Durchweg das grundsätzliche Zugeständnis an die Kritik, daß wir es in der
Bibel nicht mit einem fehlerlosen Buch, also nicht mit inspirierter Wortoffen
barung im herkömmlichen Sinne zu tun haben! Und dennoch bei allen Fünf
die tief innere überzeugte Freude an der durch die Bibel uns bezeugten und ver
mittelten Gottesoffenbarung!
Noch zwei andere, längst Heimgegangene, hochangesehene Professoren möchte
ich schließlich nennen, meine eigenen verehrten Lehrer, einen strammen Lutheraner,
Kahnis in Leipzig und den bekannten Biblizisten Beck in Tübingen. Kahnis
pflegte im dogmatischen Kolleg zu sagen: „In Bezug auf die Heilige Schrift gibt
es zwei Betrachtungsweisen, eine konservative und eine kritische; ich bekenne mich
zu der letzteren". Die ergreifende schlichte Bescheidenheit, mit der er dies Be
kenntnis vorbrachte, war ein Niederschlag schwerer Kämpfe und Verketzerungen,
die er wegen seiner kritischen Stellung erduldet hatte. — Beck ermahnte seine
Studenten: „Wenn Sie von kritischen und dogmatigen Zweifeln bez. des

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