Gehört die Theologie in ein Schulblatt?
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Schriftinhalts geplagt werden, so halten Sie sich zunächst an die Stücke, die
Ihnen zu Herzen gehen und ans Gewissen greifen, und lassen die übrigen ruhig
dahingestellt. Sie werden von einem oder einigen in Ihrem Innern sich als
zuverlässig und göttlich bewährenden Punkten weiter kommen, vorwärts dringen,
und die Wahrheit und Göttlichkeit der Schrift wird Ihnen von Stufe zu Stufe
aufgehen." Dieser Erkenntnisweg ist dem gerade entgegengesetzt, den so viele
Bibelchristen als den allein richtigen auszugeben pflegen, daß man zuerst von der
Göttlichkeit der Heiligen Schrift überzeugt sein müsie, ehe man derartige göttliche
Wirkungen von ihr erfahren könne. Der Glaube an die Gottesoffenbarung in
der Bibel sei die unerläßliche Boraussetzung für ein derartiges Erleben Gottes
mittels der Bibel! Das bedeutet aber genau dasselbe, als wenn ich sagte, den
Eindruck, den ein Buch, ein Gedicht, ein Gemälde, oder sonst ein Kunstwerk auf
mich macht, hängt von meinem Wissen bezüglich des Urhebers des Werkes ab!
Ehe ich das Kunstwerk genießen und auf mich wirken lasten kann, muß ich in
den Katalog sehen! — Gegenüber der greifbaren Tatsache, daß wir eine lebendige
Christenheit gegenwärtig haben, die fürwahr nicht durch eigene Kraft, als Menschen
werk sich hochhält, gegenüber der gegenwärtigen Tatsache, daß immer und immer
wieder suchende Seelen und ich mit ihnen an und durch die Heilige Schrift Gott
finden und Leben haben, sind alle gelehrten Fragen nach der Echtheit und Un
echtheit der einzelnen kanonischen Schriften, alle Ergebnisse der positiven oder
der negativen Text-, Literar- und Geschichtskritik wirklich bedeutungslos! Ich
wiederhole mit Professor Müller-Erlangen (s. vor. Heft S. 301): „Man lasse
doch sowohl die übergläubige als die kritische Kleinlichkeit fahren, welche niemals
Gottes große Realitäten in der Offenbarungsgeschichte begreifen wird."
So sprechen gläubige Fachleute, die sich theoretisch und praktisch davon über
zeugt haben, daß keine Kritik der Welt die Substanz unseres Glaubens anzu
tasten vermag. Textkritik, Sachkritik, Geschichtskritik ist ein notwendiger Teil der
Wissenschaft, auch der Bibelwissenschaft, denn es ist natürlich viel daran gelegen,
den Bibeltext in möglichster Ursprünglichkeit und Reinheit festzustellen und nach
dem Sinn und Geist der heiligen Schriftsteller auszulegen. Aber an das Wesen
des Glaubens reicht alle solche gelehrte Arbeit nicht heran; denn dieser hat es
eben gar nicht mit Wissenschaft und Gelehrsamkeit zu tun. Er wird erweckt und
genährt durch den Geist Gottes, der sich noch niemals an einen bestimmten, noch
so heiligen Wortlaut gebunden hat, sondern weht, wo er will. Wenn ich auf
einem Grabstein den Spruch lese: „In ewiger Liebe habe ich dich geliebt und
habe dich erbarmend herangezogen", so muß ich mich erst darauf besinnen, daß
das unser herrliches Jeremiawort vorstellen soll, das uns in Luthers Verdeut
schung: „Ich habe dich je und je geliebet" rc. von Kind auf so vertraut ge
worden ist, und ich sage mir: Wie viel mehr sagt uns Gott in diesem lutherschen
Wortlaut, als in jener an sich korrekteren katholischen Übersetzung! — Ja, jede
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