Gehört die Theologie in ein Schulblatt?
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dürfen daher immer neuen Versuchen, sich der ewigen Probleme geistig zu be
mächtigen, auch wenn sie sehr stark von den überlieferten Formulierungen abweichen,
nicht grundsätzlich ihr Recht absprechen; wohl aber haben wir zu prüfen, ob
in ihnen der Geist dessen lebt, der uns verheißen, daß der Geist der Wahrheit
uns in alle Wahrheit leiten soll.
Sobald nun in diese Prüfung eingetreten wird, ist allerdings auch bei der
soeben geforderten grundsätzlichen Anerkennung des Rechts der Kritik und der
theologischen Fortentwicklung, die Meinungsverschiedenheit und der Streit wieder
da, und es kann mir natürlich nicht beikommen diesen Streit hier mit irgend
einer glatten Kompromißformel schlichten zu wollen. Der ernste, schwere Geistes
kampf muß eben durchgekämpft werden bis zum bitteren Ende — wollte Gott,
auch nur mit geistlichen Waffen! Und in diesem theologischen Kampfe im
einzelnen Stellung zu nehmen, dazu hat das Evangelische Schulblatt in der Tat
keinen Beruf — darin gebe ich, um zum Anfang zurückzukehren, meinen dies
bezüglich warnenden Freunden völlig recht. Und wenn es sich auch berufen
fühlte, auf seinem Gebiete an dieser Prüfung sich zu beteiligen, wenigstens in
allen den Punkten, die den Religionsunterricht betreffen, so ist die Ersprießlich
keit einer solchen Beteiligung zur Zeit allzusehr in Frage gestellt. Die Spannung
ist gegenwärtig eine zu starke, das Chaos der Mißverständniffe und gegenseitigen
Verkennung ein zu wüstes, als daß Stimmen der Verständigung und des Friedens
Aussicht hätten, beachtet zu werden oder heilsam zu wirken. Die Hitze des
Streites ist so groß geworden, daß jeder Versuch, beiden Parteien gerecht zu
werden als Unklarheit, Unentschiedenheit, Charakterlosigkeit oder dergleichen von
beiden Seiten mehr oder minder unwillig abgewiesen wird. Selbst solche, die
persönlich voneinander freundlich denken, können sich in diesen Streitfragen nicht
mehr verstehen. Bei einer solchen Sachlage erscheint es ratsam, daß ein Redak
teur, der nun einmal bei aller überzeugten Freude an der Pädagogik aus seinen
theologischen Interessen kein Hehl machen kann, und dabei in den Augen vieler
schon theologisch gezeichnet ist, auch abgesehen von den übrigen zwingenden
Gründen, die verantwortliche Leitung des Schulblattes in Hände legt, die für
eine rein pädagogische Behandlung sämtlicher Redaktionsfragen bessere Garantien
bieten. Mitarbeiten werde ich auch weiter mit regem Interesse; aber der Ver
antwortung möchte ich nunmehr enthoben sein.
Möge der, zu desien Ehre diese nun bald 50 Jahre bestehende Zeitschrift
von Anfang an im letzten Grunde hat wirken sollen, sein heilig Auge mit Wohl
gefallen ruhen lassen auf der Fortsetzung des Werkes unter andrer und doch alt
vertrauter Leitung, zur vertrauensvollen Genugtuung vieler Berufsgenossen, zum
Segen für unsre teure Schule! Herzlichen Dank für alle Nachsicht und alles
Vertrauen, das mir während dieser 10 Jahre zu teil geworden, und Gott befohlen •
Düsseldorf, den 1. Juli 1905. von Rohden.
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