332 H. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Ein Urteil über die Entwickelungslehre als
Unterrichtsgegenstand.
In Nr. 6 (II. Bd.) von „Natur und Schule" äußert sich Dr. E.
Dennert in Godesberg über „die Entwickelungslehre als Lehr
gegenstand der höheren Schulen." Der Verfasser, welcher als natur-
wisienschaftlicher Fachgelehrter öfters die christlichen Glaubenswahrheiten gegen
Leute vom Schlage eines Häckel erfolgreich verteidigt hat, tritt für den bio
logischen Unterricht an den höheren Schulen ein. Er bekennt sich als Anhänger
der Entwickelungslehre und fordert die Einführung in dieselbe in der Ober
prima, schon aus apologetischem Jnteresie. „Wenn man sieht, wie die Ent
wickelungslehre in gewissen mehr populären Schriften rein dogmatisch behandelt
und als Kampfesmittel gegen Religion und Glauben ausgebeutet wird, und
wenn man immer wieder die Erfahrung machen muß, daß diese Schriften von
den unerfahrenen und urteilslosen jungen Leuten verschlungen und ihre Be
hauptungen als bare Münze aufgenommen werden; dann kommt schon ganz von
selbst aus pädagogischen Gründen der Wunsch, es möchte die Möglichkeit vor
handen sein, solchen wissensdurstigen Jünglingen rein sachlich und ruhig das Für
und ^Wider der Entwickelungslehre darzubieten." D. geht mit großer Ent
schiedenheit dem Darwinismus, den er als von der Entwickelungslehre durchaus
verschieden kennzeichnet, zu Leibe (man vergleiche die Schrift Dennerts: „Vom
Sterbelager des Darwinismus", Stuttgart 1902). Es ist ja zu verstehen,
wenn beides vor Jahren gleichgesetzt wurde. Nun aber tritt der Darwinismus
immer mehr zurück, während die Entwickelungslehre immer mehr anerkannt
wird (wenn auch noch nicht allgemein; D. weist auf Prof. Fleischmann in Er
langen hin, der sie ablehnt. „Auch andere jüngere Forscher werten sie nicht
gerade sehr hoch"). „Darwinismus ist kein Gattungs-, sondern ein Spezies
begriff; der Gattungsbegriff ist Entwickelungslehre oder Deszendenztheorie, der
Darwinismus ist nur eine besondere Art derselben. Man kann an Darwins
eigentlichem Verdienst, dem Gedanken der Entwickelungslehre allgemeine An
erkennung verschafft zu haben, durchaus festhalten, und kann dabei doch sein
entschiedener Gegner sein. Soweit sind wir doch heute gekommen, daß man
jemandem, der nicht orthodoxer Darwinianer ist, nicht gleich die naturwissenschaft
liche Seligkeit abspricht."
Daraus folgt nun die Forderung, den Darwinismus in der Schule nicht
als Tatsache, sondern „als eine der Geschichte angehörende Episode" zu be
behandeln und „seine Prinzipien (Kampf ums Dasein und Selektion) auf ihre
wahre Bedeutung zurückzuführen, d. h. nicht als schaffende, sondern höchstens
regulatorische Faktoren der Entwickelung darzustellen." — Hinsichtlich der Ent
wickelungslehre sei nachdrücklich hervorzuheben, daß sie trotz ihrer unumschränkten
Herrschaft auf allen Gebieten der Biologie doch nur eine Hypothese sei, daß der
unerschütterliche Tatsachenbeweis, wie er sonst in der Naturwissenschaft überall
gefordert werde, nicht erbracht sei. Deshalb habe sie eine ganz verzweifelte
Ähnlichkeit mit einer Glaubenslehre, und ihre „Beweise" seien, kritisch besehen,
den „Gottes-Beweisen" gleich zu setzen, sie habe ein durchaus metaphysisches Ge
präge. Es handle sich bei der Deszendenztheorie nicht um ein exaktes Wiffen,
sondern um einen Glauben, um ein Gebiet, das schon in die Sphäre der Welt
anschauung gehöre.

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