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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Arten. — Ich habe mich wiederholt dafür ausgesprochen, daß auch der bio
logische Unterricht der Schule am Deszendenzproblem nicht vorübergehen darf;
aber falls der Lehrer nicht einfach im Fahrwasser gewisser Popularisatoren der
Deszendenztheorie segelt, für die bereits alles Dogmatische Gestalt angenommen
hat, was tatsächlich Problem ist, und über das die größte Meinungsverschieden
heit unter fast allen Fachmännern besteht, welche Anpassung und Artbildung zu
ihrem Spezialstudium gemacht haben, — so darf er sich gern an einer Her
vorhebung der verschiedenen Gesichtspunkte genügen lassen.
Ich benutze die Gelegenheit, um nur auf einige der allerschärfsten Meinungs
verschiedenheiten hinzuweisen. Darwin glaubte, daß die Organismen von
einigen wenigen, vielleicht nur von einer einzigen, im Anfang erschaffenen Ur
form abstammen. Wer sagt uns aber, ob jene hypothetische Urform nur in
einem einzigen Exemplar, oder nicht vielmehr gleichzeitig in Millionen von Exem
plaren in die Erscheinung trat, die teilweise einen ganz ähnlichen Umbildungs
prozeß seit dem Beginn des Lebens auf der Erde durchmachten? Im letzteren
Falle könnte jede Blutsverwandtschaft der Organismen in Frage gestellt sein.
Darwin war ferner der Meinung, daß Naturzüchtung der wesentlichste Faktor
für die Bildung und Umbildung der Arten war. Kölliker und namentlich
de Vries sind der Ansicht, daß Naturzüchtung hierbei gar nicht in Frage kam.
Darwin suchte die Lehre von der Konstanz der Arten zu erschüttern; de Vries
lehrt, daß die Arten konstant sind mit Ausnahme der in sehr langen Zeitinter
vallen explosionsartig auftretenden Mutationen. Darwin glaubt, daß gerade
die Anpassungen und zweckmäßigen Einrichtungen bei Pflanzen und Tieren nach
dem Selektionsprinzip „gezüchtet" worden seien; Nägeli verwirft die Natur
züchtung auch hierfür gänzlich, sie ist nach ihm nur geeignet, das Lebensunfähige
auszumerzen. Neuerdings stellt sich ein hervorragender Botaniker, Straß
burger, der bislang für den Hauptvertreter der Häckelschen Richtung in
der Botanik galt, ganz auf den Standpunkt von de Vries und von Nägeli
und wirft das Selektionsprinzip rückhaltlos über Bord; nur will er es hypo
thetisch noch gelten lassen. Unter solchen Umständen, bei solcher Meinungs
verschiedenheit der berufensten Vertreter der Wissenschaft, sollten die Lehrer an
höheren Schulen es vermeiden, Dogmen über die Ursachen der Artbildung und
der Anpassungen vorzutragen, deren Bestreitbarkeit schon dadurch erwiesen ist, daß
sie gerade in der Gegenwart lebhaft und nicht ohne Erfolg bestritten werden.
Aber auch ohne Spekulationen und Hypothesen bildet eine lediglich refe
rierende Behandlung der Anpassungserscheinungen einen der dankbarsten
Gegenstände des biologischen Unterrichts in den oberen Klassen höherer Schulen."
A ch i n g e r.
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Ein bedeutsames Jubiläum evangelischer
Jugendfürsorge.
Von Rektor Sch mell in Langerfeld-Dahl.
In Ad. Steins prächtiger Wochenschrift „Der Deutsche" *) schrieb Feld
marschall Graf v. Häseler im 25. Heft einen kurzen Artikel unter der Überschrift
0 Berlin SW, Wilhelmstr. 6. Erscheint wöchentlich, Preis vierteljährl. 4 M.

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