340 II. Abteilung: Zur Geschichte des Schulwesens rc.
kann freilich nicht bloß Luthers Katechismus, kann auch der Römerbrief, die
Ilias, Shakespeare und vieles andere verekelt werden, auch Dörpfelds Heilslehre.
Aber, daß bei einer rechten Durchnahme auch heute noch der alte Katechismus
seine guten Dienste leisten kann, die Kinder in die Glaubenslehren und in das
Glaubensleben einzuführen ist meine volle Überzeugung. Darum will ich auch
keinem raten, den Katechismus durch Dörpfelds Heilslehre zu verdrängen. Auch
ich habe das nicht getan. Denn hierzulande haben wir, wie wohl sonst meistens
auch noch, zwei Jahre lang die Konfirmanden im pfarramtlichen Unterricht.
Wird in einem Jahre nun der Katechismus zugrunde gelegt, im zweiten Jahre
ein Buch wie das zweite Enchiridion, von dem immer wieder Fäden nach ein
zelnen Katechismusstücken gezogen werden können, sollte da von einer Verdrän
gung die Rede sein? Wird nicht diese Abwechselung zu den variationes ge
hören, welche delectant? Und wird dieser neue Gang nicht um so mehr in
seiner Neuheit und Eigenart einen Reiz haben, als wir ja nicht bloß den Kate
chismus mit den Kindern durchnehmen, sondern auch vorher schon, ehe die
Kinder zu uns kommen, haben es wie manchesmal die Lehrer getan, oft auch
sehr eingehend, manchmal womöglich am selben Tage dasselbe Stück. — „Ja,
aber das macht die Kinder um so gewisser!" Möglich, aber kann das Gewisser
machen nicht noch viel sicherer, besser und unverdrießlicher geschehen durch Dar
bietung desselben Lehrinhalts in völlig anderer Form? Gewiß kann man einen
Baum sehr gut beschreiben durch Ausweisen der Wurzeln, Beschreibung und
Durchschnitt des Stammes und Vorzeigen seiner Früchte — würde man aber
den Baum aus dem kleinen Reis vor den Augen der Zöglinge aufwachsen lassen
können, bis sie sich selbst unter seinem Schatten finden — würde das nicht
Kenntnis und Schätzung dieses Baumes viel gewisser machen? Ich wenigstens
kann, um dies vorwegzunehmen, nur bezeugen, daß in diesem verflossenen Halb
jahr die Konfirmanden keineswegs ungewiß oder weniger gewiß in ihrer christ
lichen Erkenntnis geworden sind, vielmehr hat der eigentümliche Reiz, den das
Buch auf mich zuerst ausgeübt hat, auch bei den Kindern sich gezeigt, sie haben
viel mehr als sonst schriftlich mitarbeiten müfien, aber offenbar es mit Freuden
getan, und bei gelegentlicher Heranziehung des Katechismus zeigte sich, daß ihnen
dort manches in neuer und deutlicherer Beleuchtung erschien, so namentlich im
dritten Artikel."
„Also Summa: Die Empfehlung des Dörpfeldschen Buchs entspringt nicht
einer modernen Geringschätzung des Katechismus, und der Gebrauch desselben
verdrängt auch tatsächlich nicht das Gute des Katechismus."
Zwischendurch wird auch das erste Enchiridion sehr verständnisvoll besprochen
und dann der Plan und Aufriß der Heilsgeschichte dargelegt.
Der gründliche und sympathische Aufsatz schließt: „Aber wo die Verhält
nisse so liegen, daß die Kinder von den Lehrern gut vorbereitet sind, in ihrer
Mehrzahl fleißig und begabt — und solche Jahrgänge kommen doch vor —
oder wo es sich um die Erteilung von Konfirmandenunterricht an einzelne,
vielleicht ältere und geförderte Kinder handelt, denen man dann gewiß das
Fragebüchlein in die Hand gibt, da wird jeder Versuch, auf Dörpfelds
Weise die Kinder in die Schrift und in das Leben der Kirche einzu
führen, sich lohnen. Die große Bescheidenheit, mit der Dörpfeld selber von
der Verbesserungsbedürftigkeit und -Fähigkeit seines Werkes spricht, macht jedem
Mut, der sonst gar denken möchte, „so wird es dir doch nicht gelingen". Wir

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