342
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Dr. Thrändorf gegen Bonus. Mit Staunen, z. T. auch mit Entrüstung sind in
der Lehrerschaft die Äußerungen von Arthur Bonus über den heutigen Schulbetrieb,
besonders über den Religionsunterricht aufgenommen worden. Seine Forderung:
Beseitigung der Religion aus der Schule um der Religion willen ist mit Recht aufs
schärfste zurückgewiesen worden. Mag auch seiner Kritik ein allgemein verbreitetes und
in mancher Hinsicht berechtigtes Mißtrauen gegen die Wirksamkeit der Schule zugrunde
liegen, so verdirbt er doch alles durch seine Maßlosigkeiten. Schade, denn einen Bundes
genossen gegen den Wahn, die Schule könne und müsse alles leisten, könnten wir schon
brauchen. „Die Schule als Massenunterrichtsanstalt unter Staatszwang mit unifor
mierten Lehrplänen, deren Inhalt also von Individualität, Begabung, Gesinnung des
Lehrers — und erst recht des Schülers — losgelöst ist, kann diesem ihrem Wesen nach
lediglich technisches Können überliefern. Sie soll sich damit begnügen. In erster Linie
also — und das könnte für die Volksschule überhaupt genügen — Rechnen, Lesen,
Schreiben. Dazu könnte Turnen und Handfertigkeitsunterricht kommen und, wenn es
durchaus sein muß, Begriffsbildung, d. h. logisch deutliches Sprechen. Auf den höheren
Schulen ftemde Sprachen. Diese technischen Fähigkeiten sollen an derben Stoffen
geübt werden, welche die unvermeidlich etwas herbe Behandlung im Schulzimmer gut
überstehen, also vor allem an Aufgaben des geschäftlichen Lebens und allenfalls technisch
wissenschaftlichen Dingen, nie aber und unter keinen Umständen an reli
giösen, moralischen ästhetischen Stössen. — Übergangsvorschläge: Sollen
oder müssen Stoffe der Vaterlandskunde, Religion, Kunst geboten werden, so soll jeder
Gesinnungsunterricht dabei vermieden und im höchsten Falle ein freier Vortrag zu
gelassen werden. Wird er nicht vestanden, um so besser! Bleibt einzelnes, das die
Phantasie beschäftigt, gut! Wer aber Gesinnungbilden und Seelenriechen nicht lassen
kann, der sei verflucht."')
Diese Ausführungen haben eine große agitatorische Kraft; sie sind im höchsten
Maße geeignet, die Köpfe zu verwirren und eine fruchtbare Diskussion unmöglich zu
machen. Es ist deshalb mit Freuden zu begrüßen, wenn Dr. Thrändorf es unternimmt,
durch dieses Labyrinth von Wahrheit und Irrtum an dem sicheren Faden logisch klarer
Untersuchung durchzuführend) T. wendet sich gegen das Zusammenwerfen von Staats
schule und Staatspädagogik. „Staatsschulen sind Schulen, die vom Staate ent
weder ganz unterhalten oder wenigstens unterstützt und überwacht werden. Von einer
Staatspädagogik würde man aber nur da reden können, wo den Schulen Geist und
Methode aufgezwungen wird." Ebensowenig wie es eine Staatsmedizin gibt, obgleich
doch der Staat für die Ausbildung der Mediziner in staatlichen Anstalten sorgt, ebenso
wenig gibt es für uns eine Staatspädagogik. Wenn der Staat für die Wissenschaften
sorgt, so wird er sich doch hüten, ihnen den Gang ihrer Untersuchungen oder die
Resultate, zu denen sie kommen müssen vorzuschreiben.
Hinsichtlich des Religionsunterrichts kommt der Verfasser zu dem Ergebnis, „daß
auch, wenn der Staat aus Zweckmäßigkeitsgründen die Leitung und Verwaltung der
Schule in die Hand nimmt, er doch daraus nicht das Recht ableiten darf, ausschließlich
von seinen Interessen aus Zweck und Aufgabe der Schule zu bestimmen. Vielmehr hat
er sich als Beauftragter der Familien und Vertreter der Rechte des Zöglings anzusehen
und muß daher seines Amtes so walten, daß die Interessen dieser beiden nicht geschädigt
werden. Nun aber haben christliche Eltern zweifellos ein hohes Interesse daran, daß
das religiöse Leben ihrer heranwachsenden Glieder durch den Schulunterricht gefördert
wird, und noch mehr liegt es im Interesse des Zöglings, daß eine der wichtigsten
Seiten seines Geisteslebens nicht verkümmert. Darum übernimmt der Staat mit der
Leitung des Schulwesens auch die Pflicht, für rechte Pflege der religiösen Entwickelung
der ihm anvertrauten Jugend zu sorgen."
Wo find die Lehrersreunde? In Köln hatte die Zentrumsfraktion der Stadt
verordnetenversammlung über die Zusammensetzung der städtischen Schuldeputation
folgenden Antrag gestellt: „Um den Geistlichen der beiden christlichen Konfessionen und
ebenso der Lehrerschaft die Mitwirkung in der Schuldeputatton grundsätzlich zu sichern,
beschließt die Stadtverordnetenversammlung, die Zahl der ernannten Mitglieder der
Schuldeputatton von 12 auf 15 zu erhöhen und demgemäß die Ordnung des Volks-
1) „Vom Kulturwert der deutschen Schule." Leipzig 1904.
2) Zeitschrift für Phil. und Päd. 12. Jahrg. 4. Heft: Schulmonopol und Reli
gionsunterricht.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.