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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
3. Diejenigen Stoffe des heutigen Religionsunterrichts, welche von jedem als wirklich
wertvoll und rein historisch angesehen werden, können mit Leichtigkeit den übrigen
Gesinnungs-Unterrichtsfächern angegliedert und noch durch diejenigen Stoffe der
Weltliteratur ergänzt werden, die aus rein religiöser Empfindung entsprungen sind.
Aus vorstehenden Gründen erklärt sich die heutige Versammlung des Bremischen-
Lehrerinnenvereins auf das Entschiedenste für die Abschaffung des lehrplanmäßigen
Religions- und biblischen Geschichtsunterrichts.
Diese Kundgebungen haben in gewissen Kreisen ein lebhaftes Echo gefunden. So
telegraphierte die Delegiertenkonferenz der Goethe-Bünde an die Bremer Lehrerschaft:
„Die Delegiertenkonferenz der deutschen Goethe-Bünde spricht der Bremer Lehrer
schaft für ihre Bestrebungen zur Schulreform ihre volle Sympathie aus und ist der
Hoffnung, daß sie ihre Forderungen in Verbindung mit der Bürgerschaft durchsetzen
wird."
Auf einer im Anschluß an diese Tagung abgehaltenen Vollsversammlung sprach
Reichstagsabgeordneter Dr David über den konfessionellen Unterricht. Die Frankfurter
Zeitung berichtet darüber:
„Erster Redner war Reichstagsabgeordneter Dr. David. Er besprach einleitend die
Motive, die das Schulkompromiß herbeiführte. Die Schule solle die Dienerin der
Kirche sein, damit die Religion dem Volle erhalten bleibe. Die so gepflegte Religion
sei eine Summe von Gedächtnisstoff, mit dem das Kinderhirn belastet werde. Es gäbe
wichtigere und notwendigere Dinge zu lehren, denn ungebildet geht der größte Teil
des Volles von der Schule ins Leben. Der Religionsunterricht widerspricht den
pädagogischen Grundsätzen. Die Kinder lernen Dinge, ohne die Möglichkeit , sie sich
vorzustellen. Dazu kommt der Widerstreit zwischen Wunder und Wissenschaft. Das
muß den Wahrheitssinn töten, Aberglauben erzeugen und Heuchelei, also eine Schädigung
des geistigen und sittlichen Lebens. Darum darf die Schule der Kirche nicht aus
geliefert werden. Besser wäre es, die Kinder zu sozialem Pflichtbewußtsein zu erziehen,
als zum Egoismus, wie es die Religionsmoral mtt der Verheißung von Lohn und
Strafe tut. Durch die Religionsgeschichte mit den Kriegen und der Jnqusition zieht
eine breite Blutspur. Gegen die religiöse Haßlehre und trotz aller Kirchen hat sich die
Kultur emporentwickelt. Das Kinderherz soll Freiheit haben zu Enffaltung der Mensch
lichkeitsgefühle; sonst sei kein gesundes Volk möglich. Darum: Entfernung des kon
fessionellen Unterrichts aus der Schule. Wollen Eltern oder Konfessionsgemeinden die
Kinder Religion lehren, dann sollen sie das außerhalb der Schule tun. Wo der
Klerikalismus die Schule in der Gewalt hat, beherrscht er das Volk. Aufgabe der
Schule ist es, das Voll höher zu führen. Darum müssen wir sie schützen vor klerikalen
Attentaten. Wir brauchen aber die Macht der Gegner nicht allzusehr zu fürchten.
Stärker als die konfessionelle Schule ist die Schule des Lebens und mächtiger die
gemeinsamen Volksinteressen. Die wahre Religion sei eine andere und tiefere, als die
Konfessionsschule lehrt. Sie sollte gepflegt und dazu das Volk erzogen werden. Dann
lebten wir wahrhaft im Geiste Goethes." (Brausender Beifall.)
In demselben Sinne sprachen Pastor Dr. Kalth off-Bremen und Otto Ernst.
Zur Landflucht der Lehrer. Der „Reichsbote" richtet eine dringende Bitte an
die Kreissynoden, durch einen Antrag, die Provinzialsynoden zu ersuchen, mit allen
Kräften dahin zu stteben, daß bei dem Erlaß des Volksschulunterhaltungsgesetzes und
einer Neuregelung der Lehrerbesoldung die rein kirchlichen Einkünfte der Küsterlehrer
von dem Grundhalte der Lehrerftelle vollständig getrennt werden. Er schreibt:
„Was den Schulen bezw. Schulgemeinden am Lehrergrundgehalte fehlen wird,
ersetze der Staat aus seinen Mitteln, was bei den vielen Millionen, die Regierung
und Parlament jetzt für die Schule flüssig machen, nicht schwer fallen kann und was,
wir wiederholen es, Pflicht des Staates gegen die Kirche ist. Es darf nicht länger die
Schule von der Kirche unterhalten werden, obwohl die Kirche notleidet, Küster und
Organisten zu bekommen. Wenn es so scheint, als ziele unser Antrag auf eine Trennung
von Schule und Kirche hin, so erwidern wir, daß wir im Gegenteil durchaus für eine
Verbindung des Küster-, Organisten-, Kantoren- und Schulamtes sind. Ja wir sind
gewiß, daß diese Verbindung gefestigt und der jetzt allseitig beklagten Landflucht der
Lehrer gesteuert werden wird, sobald die Kirche ihre eigenen Mittel frei hat, um überall
den Lehrern die niederen Küsterdienste abnehmen und doch das Organisten- und
Kantoramt angemessen besolden zu können, wozu uns 300 M. nach Abnahme der
niederen Küsterdienste als Mindestsatz erforderlich erscheinen."

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