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■ä- III. Abteilung. Literarischer Wegweiser.
Pädagogik.
1. Rüde, Adolf, Rektor in Rakel a. d. Netze: Methodik des gesamten Volksschulunterrichts
unter besonderer Berücksichtigung der neuern Bestrebungen. II. Teil. Geographie,
Naturgeschichte, Physik; Chemie und Mineralogie; Rechnen, Raumlehre, Zeichnen,
Gesang, Turnen. Osterwieck a. Harz 1904, A. W. Zickfeldt. 498 S. 4,20 M.,
, geb. 5 M.
Auch diesem 2. Bande eignen in vollem Maße dieselben Vorzüge, die wir bei der
Besprechung des 1. Teils hervorgehoben haben; außerordentliche Reichhaltigkeit des
Inhalts, besonders eingehende Berücksichtigung der modernen Bestrebungen auf den
einzelnen Unterrichtsgebieten, ruhige sachliche Abwägung der verschiedenen Ansichten
und ein auf gereifter Erfahrung beruhendes sicheres Urteil. Bevor der Verfasser seine
eigene Stellungnahme zu einer strittigen Frage darlegt, wägt er mit größter Objek
tivität die Gründe und Gegengründe ab, die von den verschiedensten Methodikern und
Richtungen vorgebracht werden. Auch da, wo man sich seiner Meinung nicht anschließen
kann, muß man doch sein Urteil respektieren. Seine Kritik bleibt niemals am Einzelnen
und Isolierten haften und ist deshalb weder einseitig noch kleinlich. In der Hauptsache
steht R. auf herbartischem Standpunkt; den Bildungswert eines Unterrichtsfaches be
urteilt er stets nach dem Beitrag, welchen dasselbe zur Charakterbildung leistet. Doch
wahrt sich der Verfasser seinen freien Blick und würdigt das Gute, wo er es findet.
So kann sich der junge Lehrer der Führung Rüdes mit gutem Gewissen anvertrauen.
Das Studium des Werkes wird ihm eine Fülle praktischer Anregung gewähren, ihn
vor manchem Mißgriff bewahren und ihm für seine Weiterbildung bewährten Rat
erteilen. Wie im 1. Bande, so sind auch hier wieder die Literaturverzeichnisse besonders
reichhaltig, sie können in Vollständigkeit kaum übertroffen werden. Die Darstellung ist
übersichtlich, die Sprache klar und ohne jeglichen Schwulst. In Summa: Das Buch
steht unter den bedeutenden Werken der gediegenen Sammlung in erster Linie.
2. Heman, Fr.: Geschichte der neueren Pädagogik. Eine Darstellung der Bildungs
ideale der Deutschen seit der Renaissance und Reformation zum Unterricht für
Lehrerseminare und zum Selbststudium. Ebd. 436 S. 3,40 M., geb. 4,20 M.
Das Buch soll nach der Ansicht des Verfassers eine Lücke in der sür den Unter
richt in Lehrerseminarien zur Verfügung stehenden Literatur ausMen, indem es „in
den Zusammenhang der Geschichte des Erziehungs- und Bildungswesens" einführt.
Um „diese Geschichte als ein einheitliches Ganzes" zu verstehen, ist es notwendig, die
innere Verbindung derselben mit der gesamten Kulturentwicklung aufzuzeigen. „Denn
was jeweilen der Zeitgeist als seine höchsten Güter schätzte, das verdichtete sich zu den
Bildungsidealen, nach denen die Jugend erzogen werden sollte." Der Vers, unter
scheidet nun vier Perioden, das 16. Jahrhundert, welches unter deni Einfluß des
Humanismus und der Reformation steht, das 17. Jahrhundert, dessen Geistesleben
durch die französische Kultur bedingt wird, das 18., das pädagogische Jahrhundert, und
endlich das 19. Jahrhundert, das der kulturstaatlichen Pädagogik. Die letzte Epoche
verdient besondere Beachtung. Die Pflicht des Staates, dem gesamten Bildungswesen
Schutz und Förderung angedeihen zu lassen, ergibt sich aus der Idee des Kulturstaates,
„der nicht mehr bloß dynastisch-politischer Macht- oder Militärstaat, auch nicht mehr
bloß Polizei- oder Rechtsstaat, auch nicht mehr bloß Handels- oder Industriestaat" ist,
sondern der „als höchste und stärkste Lebensform der Nation alle geistigen Interessen
und Zwecke, die niedern und die hohen, die äußere und innere, zur allgemeinen Wohl
fahrt der Nation zu hegen und zu pflegen, zu fördern und zu beschützen, zu organi
sieren und zu dirigieren" hat. Daraus folgt aber keineswegs, daß der Staat sich als
alleinigen Schulherrn ansehen darf. Die Gefahr, welche aus einer solchen Auffassung
erwächst, hebt H. klar hervor. Auf S. 295 heißt es: „Sowie der Staat sich zum
Träger der Kulturinteressen erklärt hatte, schlägt sein allgemeines Bildungsinteresse um
in Bildung für die Staatsinteressen." Und an derselben Stelle: „Oft genug identifiziert
sich der Staat mit dem allgemeinen Kulturinteresse, so daß das Ideal der Erziehung
zur echten Menschlichkeit verblaßt hinter den Interessen und Zwecken der Staatsmacht"
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