Zur Simultanschulfrage.
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vielem auf gemeinsamem Boden. Wir sind hier versammelt als Lehrer und
Erzieher der Jugend unseres Volkes und haben uns als solche vorab zu
fragen: Was kann zum besseren Gelingen unserer doppelten Aufgabe — denn
als solche fassen wir sie doch noch auf — beitragen ? Wo finden sich größere
oder geringere Hemmnisse, und wo sehen wir helfende und fördernde Kräfte?
Hier, m. H., seitab von den Wegen, die die Parteien wandeln, begegnen wir
uns. Sie, die sie Freunde der Simultanschule sind, wollen eine deutsch-nationale
Erziehung unserer Jugend — wir auch. Sie wünschen eine Überbrückung und
Milderung der Gegensätze, die sich in unserm Volksleben geltend machen, — wir
ersehnen einen solchen Ausgleich gewiß mit ebenso warmem Herzen. Sie er
streben die Heranbildung eines sittlich starken Geschlechts, — w i r treten mit
Freuden an Ihre Seite! Sie wollen ein tüchtiges Misten, gediegene Kenntniste
und Fertigkeiten vermitteln, soweit es im Rahmen der Volksschule möglich ist, —
wir reichen Ihnen mit herzlichem Glückauf! die Hände. Sie wollen keinen Still
stand in der Entwicklung unserer lieben Schule und unseres Standes, — man
wird uns hier ganz gewiß auf seiten des Fortschritts finden, und wir ver
einigen unsere Stimme mit der Ihrigen zu der Losung: „Höher hinauf!" Wir
sind einig in den Hauptzielen. Was uns trennt, ist die auf verschiedener Welt-
und Lebensanschauung beruhende Wahl der Wege, die zum Ziele führen können,
es ist besonders unsere Wertschätzung eines Religionsunterrichts, — wohl ver
standen eines Religionsunterrichts —, der zu dem übrigen Unterricht in leben
diger Beziehung steht, der das Herz warm und weit macht und rechte Gottes
furcht und Nächstenliebe pflegt, — als Mittel zur sittlichen Bildung der Schüler.
Hochgeehrte Versammlung! Wir stimmen mit dem Herrn Referenten darin
überein, daß unserm Volke eine Kräftigung des nationalen Gefühls und Be
wußtseins, des Gefühls der Zusammengehörigkeit, durchaus nottut, und es ist
gewiß ein edler Gedanke und ein hochherziges Beginnen, das Trennende all
mählich beseitigen und die Kluft zu überbrücken zu wollen, die heute so viele
Glieder unseres Volkes voneinander scheidet. Gewiß ist es für den Vaterlands
und Volksfreund schmerzlich, die Zersplitterung von Kräften zu sehen, die vereint
Großes und Herrliches leisten müßten. Und die Männer, die der Gedanke zu
Freunden der Simultanschule macht, durch sie könne die deutsche Nation zu dem
Glücke geführt werden, daß das Band religiöser Einheit und heiligen Friedens
die Glieder unseres Volkes umschlinge, diese Männer verdienen ohne Zweifel die
Sympathie aller, die einen Blick für die Not der Zeit haben. Aber gerade
diese Freunde der Simultanschule dürften sich bei ihrem edlen Streben doch
wohl einer Täuschung hingeben, nämlich einer Täuschung bezüglich der Auf
gabe der Volksschule und einer Überschätzung ihrer Macht. Wir wollen
gewiß den Einfluß der Schule auf die geistige und sittliche Entwicklung der
Schüler nicht gering achten; wir wissen es und sind stolz darauf, daß unsere
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